Die Börse hat bei der Festsetzung der Aktienkurse in den letzten Wochen alle bisher geltenden Maßstäbe und Vorstellungen rücksichtslos über Bord geworfen, ohne sich so recht Vorstellungen darüber zu machen, was jetzt an ihre Stelle treten soll. Von allen Börsianern kann man zwar die Meinung hören, daß die nunmehr erreichten Aktienkurse schandbar billig sind, dennoch blieb bisher die Ansicht vorherrschend, daß der Tiefpunkt der augenblicklichen Abwärtsbewegung noch nicht erreicht ist. Einen ähnlichen Widerspruch hatten wir vor rund zwei Jahren. Damals sprachen nahezu sämtliche Experten von einer Überbewertung der Aktienkurse, doch die Hausse setzte sich noch eine Weile fort. 1960 war der Börsenhimmel ungetrübt, und das gerade so recht Geschmack am Aktienkauf gefundene Publikum vermochte nicht einzusehen, warum das muntere und scheinbar einträgliche Börsenspiel plötzlich zu Ende gehen sollte. Heute sehen wir uns der gleichen Situation, nur mit umgekehrten Vorzeichen, gegenüber.

Alles starrt gebannt auf die täglichen Kursverluste, und es macht auch keine Mühe, hierfür Begründungen zu finden. Sogenannte „positive“ Nachrichten werden nur am Rande zur Kenntnis genommen. Was soll man dazu sagen, wenn die Ankündigung der Karstadt AG, für 1961 die Dividende um zwei Prozent heraufsetzen zu wollen, sofo-t zu einem Kurssturz von rund 200 Punkten führt? Die Kaufhäuser liegen immer noch auf der Sonnenseite der Konjunktur. Nichts deutet darauf hin, daß sich dies in Zeiten steigender Masseneinkommen ändern wird. Deutlicher kann die Unlogik, die über weiten Teilen des Aktienmarktes liegt, nicht demonstriert werden.

Ohne Zweifel hat sich das Wirtschaftsklima in der Bundesrepublik in den letzten beiden Jahren ständig verschlechtert. Aber sicherlich nicht in dem Maße, wie die Kurse gefallen sind. 1960 wurde nach oben übertrieben, heute ist das Gegenteil der Fall. Doch was oder wer soll die gegenwärtige Bewegung stoppen? Den Banken fehlt der Mut, das Publikum zum Kaufen anzuregen. Sie selbst beschränken sich auf gelegentliche Kursstützungen. Man wartet ab ... Und worauf? Auf eine klare Linie in der deutschen Wirtschaftspolitik, auf eine Entscheidung in der Kanzler-Nachfolge (Adenauer ist kein Hausse-Faktor mehr), auf eine vollständige Wiederherstellung des politischen Vertrauens zwischen der Bundesrepublik und den USA und letzten Endes auch auf eine Besserung der konjunkturellen Situation. Über den letzten Punkt gibt es heftige Meinungsverschiedenheiten. Oftmals redet man aneinander vorbei, weil die Konjunkturpolitiker nur die Auftragsbestände und den Ausnutzungsgrad der Kapazitäten sehen, der Bilanzanalytiker jedoch sein Hauptaugenmerk auf die Ertragssituation richtet. Wenn der Markt oder die Regierung es verhindern, daß steigende Lohnkosten auf die Preise abgewälzt werden, also die Unternehmen (und damit die Aktionäre) einen Abbau ihrer Gewinnspannen erleben, dann kann man keine frohe Börsenstimmung erwarten. Es wird ohne weiteres zugegeben, daß zahlreiche Gesellschaften, ohne einer Katastrophe entgegenzugehen, eine Gewinnschmälerung hinnehmen können. Aber der Aktiensparer möchte zu Recht wissen, wann der Trend sinkender Unternehmergewinne sein Ende finden wird. Und hierüber vermißt er Anhaltspunkte in der Wirtschaftspolitik, die – wie das Beispiel der Automobilzölle zeigt – sich zur Zeit in einer Art von Wirtschaftsfeindlichkeit Luft verschafft. Über die Automobilzollsenkung werden die großen deutschen Kraftfahrzeughersteller zur Tagesordnung übergehen können. Niemand wird dadurch an Boden verlieren. Viel schlimmer ist jedoch für die Börse das Gefühl, daß der für die Wirtschaft zuständige Minister offensichtlich über keinen rechten Kontakt mehr zu den wirklich führenden Männern in der Industrie, bei den Banken und Versicherungen verfügt.

Daß der Anstoß zur Börsenwende aus der Innen- oder Wirtschaftspolitik kommen wird, vermag deshalb niemand zu glauben. Daher blicken die Optimisten auf die Weltpolitik, insbesondere auf ein Berlin-Abkommen, das die westliche Welt von den ständigen Erpressungsversuchen der östlichen Machthaber befreit. Man mag die Hoffnung nicht als besonders groß einschätzen, andererseits braucht man sie auch, nicht aufzugeben. Geschieht in Sachen „Berlin“ etwas, was die Amerikaner veranlassen könnte, ihre Bestände an deutschen Aktien wieder aufzufüllen, dann wird sich auch das auf deutschen Konten liegende Kapital erneut in die Aktien stürzen. Sicherlich nicht mehr so bedenkenlos wie weiland 1960. Aber um eine nachhaltige Kurserholung auszulösen, braucht es auch nicht viel. Die Käufer liegen auf der Lauer. Sie warten auf den Startschuß. Kurt Wendt

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Die Maschinenbau-AG Balcke, Bochum, hat für 1961 wieder eine Dividende von 16 % ausgeschüttet. Die Rücklagen, die im Vorjahr um 0,5 Mill. DM aufgestockt wurden, haben sich in diesem Jahr nicht verändert. Trotz der Steigerung der Betriebsleistung sind im Geschäftsjahr 1961 keine zusätzlichen Erträge angefallen. Aus der Bilanz und der Ertragsrechnung ist jedoch ersichtlich, daß es gelungen sein muß, Kostenerhöhungen weitgehend durch Rationalisierungen aufzufangen. Der Gesamtauftragseingang lag im Berichtsjahr mit 63,6 Mill. DM noch über dem Umsatz von 59 Mill. DM. Ende 1961 betrug der Auftragsbestand 81 Mill. DM. Er gewährleistet volle Beschäftigung für 1962 und noch darüber hinaus. An der Gesellschaft ist die Westfalenbank zu 27,6% beteiligt.