Von Martin Wieland

London, im Mai

Sogar Jo Grimond, der Führer der englischen Liberalen, war auf diesen Sieg nicht gefaßt: Im traditionell konversativen Wahlkreis von Orpington hatte sein Parteifreund Eric Lubboc im März die Nachwahl gewonnen und als siebter Abgeordneter der Liberalen ins Unterhaus einziehen könnten! Jo Grimond staunte; und dieses Staunen, von Millionen Menschen am Fernsehen beobachtet, wirkte echt; es war fast rührend. Mit dem Sieg von Orpington aber scheint den Liberalen ein entscheidender Durchbruch gelungen zu sein – den Liberalen und ihrem Führer.

Als Grimond im März 1956, mitten in der Suez-Krise, die Führung der Liberalen übernommen hatte, da glaubte fast niemand mehr an einen Erfolg dieser Partei. Ihre Zeit schien abgelaufen. Jede Hoffnung auf ein „Comeback“ dünkte so absurd, daß sogar Mark Bonham-Carter, der Enkel des großen liberalen Premierministers Lord Asquith und der Schwager Jo Grimonds, drauf und dran gewesen war, den Konservativen beizutreten. Jetzt aber, seit Orpington, ist Jo Grimond Führer einer Partei, die eine politische Zukunft hat. Bei den Gemeindewahlen in England und Wales feierten die Liberalen jüngst Triumphe wie nie zuvor, und letzte Woche gewannen sie abermals eine Nachwahl...

Der Mann, der diese Renaissance einer totgesagten Partei zuwege gebracht hat, ist ein Schotte ohne politische Familientradition. Sein Vater war ein Jute-Fabrikant in Dundee, der wohlhabend genug war, den Sohn nach Eton zu schicken. Aber der Wohlstand reicht kaum bis zu den Großeltern zurück. Das „upper class“-Element fehlt ganz in Jo Grimonds politischem Bild. Er ist ein schottischer Radikaler – trotz seines Charmes, trotz Eton. Auch daß er seit vierundzwanzig Jahren mit der Enkelin des großen Lord Asquith glücklich verheiratet ist, mit Laura, der jüngsten Tochter von Lady Violet Bonham-Carter, ändert daran nichts.

In seinen politischen Überzeugungen steht Grimond dem Radikalismus eines Lloyd George näher als den aristokratischen Idealen Asquiths. Er ist ein Links-Liberaler – links genug, um eine klare ideologische Abgrenzung zwischen ihm und Hugh Gaitskell sehr schwierig zu machen. Dabei kommt die Masse der Wähler, die er bisher gewonnen hat, von rechts und nicht von links – und es besteht die Gefahr, daß sie wieder nach rechts flüchten werden, wenn ihnen Jo Grimond zu weit links erscheint. Das aber scheint ihn nicht zu bekümmern. Er bleibt bei seiner Forderung nach einer zentralen Planung der Wirtschaft, und er kritisiert weiter die Monarchie. Als die Regierung vorschlug, Südafrika trotz des Austritts aus dem Commonwealth die alten Handelsvorteile zu belassen, da erklärte Grimond bitter: „Das wird uns in den Augen der Welt zu Buren honoris causa machen“ – auch ein Ausspruch, der konservativ denkenden Engländern nicht gerade angenehm in den Ohren klang.

Wer aber wählt nun die Liberalen? Jo Grimond weist die Vermutung von sich, daß vor allem „Poujadisten“ für ihn und seine Partei stimmen – kleine Geschäftsleute und „Arbeiter mit weißem Kragen“, die sich von den Konservativen betrogen fühlen, weil „Big Business“ den Rahm abschöpft, und die gleichzeitig der organisierten Arbeiterschaft ihre Macht bitter verübeln. „Ich kenne diese Poujadisten nicht“, sagt Jo Grimond mit seinem gewinnendsten Lächeln.