-ge, Bremen

Jener christlich-demokratische Parteitagsdelegierte, der kürtlich in Bremen für sich und seine Freunde mit idealistischem Schwung die „Freiheit der Wahl“ forderte, bewies, wie wenig er die internen Schwierigkeiten der Bremer CDU begriffen hatte. Zur Wahl stand der bisherige Parteichef Bürgermeister a.D. Jules-Eberhard Noltenius und sonst niemand. Noltenius erhielt denn auch prompt die Mehrheit der Stimmen. Er also wird die Christlichen Demokraten der Hansestadt im nächsten Jahr, dem Jahr der Bürgerschaftswahlen, führen.

Auf dem Parteitag in dem renommierten Familienlokal „Munte II“ am Rande des Stadtwaldes, demonstrierte die CDU festen Zusammenhalt und Geschlossenheit. Geschickte Regisseure hatten dafür gesorgt, daß die Gegensätze in aller Stille so gut es eben ging „entschärft“ wurden.

Dies war die Vorgeschichte jener Wahl: Schon vor längerer Zeit hatten sich die zu neuer Aktivität erwachten Mitglieder der Jungen Union zu Sprechern der in der Bremer CDU weitverbreiteten Stimmung gegen den „alten Trott“ gemacht. Noltenius legten sie in einen von ihrem Vorsitzenden Dr. Rolf Müller unterzeichneten Schreiben nahe, zu überlegen, ob es angesichts der näherrückenden Bürgerschaftswahl nicht zweckmäßig sei, das Amt des Landesvorsitzenden einer aktiveren, dynamischeren Persönlichkeit zu überlassen. Der Name des Verkehrsexperten der Bonner Bundestagsfraktion, Ernst Müller-Hermann, wurde genannt.

Indes, der Abgeordnete zögerte; und als dann gar organisierter Widerstand gegen seine Kandidatur spürbar wurde, als der mit ihm intim verfeindete Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft, Senator a.D. Karl Krammig, mit „Folgen“ drohte, fiel es dem Parteivorstand nicht schwer, Müller-Hermann zu einer Verzichterklärung zu bewegen.

Letzte Nachwirkungen dieses Streites hinter den Kulissen zeigten sich zwar noch auf dem Parteitag: Bei der Debatte über den Tagesordnungspunkt „Neuwahl“ machte sich eine allgemeine Nervosität breit, und man flüsterte hinter vorgehaltener Hand von den Gegensätzen zwischen dem Protestanten Müller-Hermann und dem Katholiken Krammig. Mehrere Delegierte redeten in verklausulierter Form sogar von einer „Wachablösung“ und riefen zu „größerer Aktivität“ auf. Doch dabei blieb es auch. Bürgermeister a.D. Noltenius blieb an der Spitze – vorgeschlagen von Müller-Hermann.

Nach dem Familientreffen der Bremer CDU meinten einige jüngere Delegierte bedauernd: Es sei schade, daß der Versuch einer Reform, einer Verjüngung der Parteispitze nun doch nicht gelungen sei. Sie sagten das in Bremen, sie hatten wohl auch Bonn im Sinn. Denn Noltenius ist immerhin erst 33 Jahre alt...