„Die Menschen müssen wissen, wissen,-wissen ...“ Der Herr vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz kennt die Verhältnisse in Amerika ganz genau. Auch dort sei lange nichts geschehen, man habe sich auf die eigene Atomüberlegenheit verlassen, auf Massen-Evakuierungen (das Grauen auf den Straßen, wenn Hunderttausende befehlsgemäß fliehen müßten!), auf den lieben Gott. Erst seit die „Kennedy-Boys“ am Werk sind, werden in Amerika allenthalben Atombunker gebaut, öffentliche und private.

Wir jedoch seien noch nicht soweit: „Die Wurschtigkeit oder die Weigerung, sich mit solchen Gedanken zu befassen, ist bei uns noch immer sehr Mode. Der Deutsche wartet darauf, daß der Staat ihm befiehlt...“ Wird der Staat befehlen, kann er’s? Mein Gesprächspartner zuckt die Achseln. „Bis jetzt haben wir noch keine gesetzliche Grundlage, den Bau von atombombensicheren – zumindest strahlungssicheren – Schutzräumen zur Pflicht zu machen. Aber die Expertenkommission, von Bundesregierung und Bundestag bestellt, arbeitet an einer Gesetzesvorlage.“

Ich erwähne die friedliche Demonstration der Atombombengegner. Da hebt’s mein Visavis ruckartig aus dem Stuhl: „Das sind genau die Leute, die uns bremsen. Sie verbreiten die Psychose ‚Atombomben weg, alles andere hat ja doch keinen Sinn‘ – und wir werden dann ausgelacht, wenn wir die Bevölkerung aufklären wollen, denn dieses. ‚Es hat ja doch keinen Zweck‘ ist populär.“ (Aber von der psychologisch mißglückten Aufklärungsschrift „Jedem eine Chance“ sagte der Experte nichts.) „Der Massentod wird also unausweichlich akzeptiert, obwohl er, zum Teil wenigstens, vermeidbar wäre. Wir können doch die Atombombe nicht abschaffen! Wir können aber – Staat und Bevölkerung, beide zusammen, der eine nicht ohne den anderen – dafür sorgen, daß möglichst viele überleben. Und wer sagt denn überhaupt, daß es unter allen Umständen zu einem Atomkrieg kommen muß? Wer sagt uns denn, ob nicht schon das Abstützen des Kellers – im letzten Krieg millionenfach bewährt – für den Fall eines konventionellen Krieges nützen würde, der doch sicherlich im selben Maße an Glaubwürdigkeit gewinnt, in dem die beiden Atomgegner dickere, größere, tödlichere Waffen herstellen? Wenn zum Beispiel in Hamburg eine tödliche Bombe fiele, hätten die Lüneburger in 45 Kilometer Entfernung schon eine Chance, ihr Leben zu retten.“

IV

Im Bundestag, wo alle Parteien den Schutz der Bevölkerung wollen, sagte in einer großen Luftschutzdebatte Frau Renger, SPD, energisch: Man solle uns ja nicht damit kommen, daß bei uns „schon“ vierzehn Mark je Kopf der Bevölkerung zum Schutz eben dieser Bevölkerung ausgegeben würden – und daß wir bereits einen Haushalt von 20 Millionen Mark für diesen Schutz in Katastrophenfällen hätten – und daß es genüge, wenn sich die Menschen, vom Atomblitz überrascht, eine Aktentasche über den Kopf halten. Millionen von Wohnungen würden neu gebaut – ohne Schutzräume. Nicht einmal öffentliche Gebäude hätten welche, obwohl neu aus der geduldigen deutschen Erde emporgestampft: „Wir bitten Sie, den Bevölkerungsschutz nicht noch länger zu vernachlässigen ...“

Auch die FDP schickte eine Frau ins Feuer. Frau Dr. Flitz sagte: „Vielleicht wäre es ganz interessant, einmal der Frage nachzugehen, warum eigentlich relativ wenig bei uns geschehen ist. Sicherlich könnte man sich denken, daß man befürchtet hat, eventuell eine panikartige Angst in der Bevölkerung hervorzurufen, und Angst läßt sich in der Politik nun einmal schlecht verkaufen; Sicherheit zahlt sich als Wahlparole immer besser aus. Keine Regierung kann aber die Verantwortung für die Unterlassung der Aufklärung auf sich nehmen.“

Die CDU/CSU ist ganz derselben Ansicht, aber Sprecher der Regierungspartei meinten, „unsere Leistungen könnten sich doch sehen lassen Dann aber sagte Innenminister Höcherl vor den Abgeordneten: „Der zivile Bevölkerungsschutz muß ja die Spiegelseite des modernen Kriegsbildes sein, das fortgesetzt in der Entwicklung begriffen ist, Gott sei Dank ohne unsere Schuld. Die Dinge müssen fortgesetzt neu überdacht werden. Der Sicherheitsbeitrag, der Verteidigungsbeitrag und der Beitrag in unserer Sozial- und Wirtschaftspolitik ist meines Erachtens im Vergleich zu den Leistungen der übrigen Völker schon so groß, daß wir uns mit diesen Leistungen absolut sehen lassen können. Dabei haben wir noch den guten Vorsatz, mit Ihrer Hilfe und Ihrer finanziellen Opferbereitschaft – die Sie auch dem Volke zumuten müssen – auch den letzten und dritten Teil, den des baulichen Luftschutzes, zu vollenden.“