SÜDDEUTSCHER RUNDFUNK

Jean Tardieu, französischer Lyriker und Dramatiker, ist in Deutschland mehr genannt als bekannt. Im Auftrag des Süddeutschen Rundfunks schrieb er zwei Kurzhörspiele, die in der Sendereihe „Das Hörspiel der Avantgarde“ gebracht wurden.

„Die Insel der Schnellen und die Insel der Langsamen“: Beide Inseln gleichen sich wie Tag und Nacht. Auf der einen werden Tradition und Geruhsamkeit gepflegt, auf der anderen herrscht rasanter Fortschritt. Nun aber lieben da einander je ein Kind dieser gegensätzlichen Welten. Drei Jahre sind sie getrennt, und im geduldigen und sehnsüchtigen Warten auf den Tag der Hochzeit werden sich ihre verschiedenen Seelen und Charaktere sogar ähnlich. Sie beschließen, sich von den ihnen fremd gewordenen Heimatinseln zu lösen.

Tardieus Gesellschafts- und Zeitkritik ist hier frech und spöttisch, aber dennoch gutmütig und keineswegs lieblos. Die flotte Satire endet überraschend in einem Hauch feiner Poesie.

„Die Konsultation“: Ein von Ängsten geschüttelter Patient sucht einen Psychiater auf. Er leidet an periodischem Versinken seines Ich-Bewußtseins in die bodenlose Leere und läßt sich willig zur Behandlung nieder. Aber: beim lauernden Fragen und Antworten springt der Bazillus der Unsicherheit auf den Arzt über. Als Geheilter knallt der Patient schleunigst die Sprechzimmertür hinter sich zu, während der andere in Raserei ausbricht und sein Mobiliar zertrümmert. Schmunzeln läßt sich’s dabei nicht. Der Spaß schlägt ins Makabre um.

Epochemachend sind die beiden Szenen wohl nicht, weder von der Form noch vom Inhalt her. Aber wer es unterläßt, auf den Namen Tardieu hin partout nach auslegungsträchtiger Hintergründigkeit zu suchen, wird zwei wohlgelungene Sketches erleben. Allerdings: so kann sie jedes gute Kabarett auch anbieten. H. K.