Von Reinhard Baumgart

Bevor Erzählungsbände an die Öffentlichkeit treten, haben die in ihnen versammelten Erzählungen oft schon ihr Debüt gehabt. Vor Monaten oder Jahren ist man ihnen in einer Zeitung oder literarischen Revue begegnet. Jetzt stehen sie also, fast unkenntlich in einer Horde von ihresgleichen oder geordnet, in Formation und blinzeln uns an wie alte Bekannte. Erkennen wir sie wirklich wieder? Fällt Licht oder Schatten von den Geschichten rechts und links auf diese alten Bekannten? Jetzt jedenfalls steht nicht mehr der gelungene Spaß oder Ernst der einzelnen Erzählung zur Diskussion, jetzt taucht über und hinter ihnen der Autor auf, der sie allesamt verantwortet. War sein Gelingen in den ersten Proben nur dem Glück und einer guten Laune zu verdanken, oder setzt es sich in der ganzen Sammlung durch?

Solche Fragen, so scheint es zunächst, verhalten sich schulmeisterlich und linkisch zu dem Buch, um das es hier geht, hängen sich wie Bleigewichte grau an seine luftige leichte Gestalt und zwingen es zurück in das Gravitationsfeld sogenannter Probleme, in all die Erdenschwere, der es sich gerade entheben möchte. Denn dieser Band, der erste seines Autors –

Reinhard Lettau: "Schwierigkeiten beim Häuserbauen", Geschichten; Carl Hanser Verlag, München; 147 S., brosch. 5,40, Ln. 10,80 DM

Ist das Bravourstück eines geborenen Meisters der leichten Gewichtsklasse. Schon deshalb steht er in Gefahr, als eine bloße Hübschheit oder gar als literarisches Nippes verkannt zu werden. Hierzulande schwelt untergründig immer noch die Überzeugung, daß der Ernst des Lebens literarisch nur unter den Fäusten der Halbschwer- oder Schwergewichtler wohlaufgehoben ist, daß Rang, Reife und der moralische Nutzen eines Autors sehr wesentlich von dem Gewicht abhängen, das er mit in den Ring bringt. Das ist die Rechnung, bei der Hebbel besser abschneidet als Heine, die Trakls Gedicht zum abendländischen Dornengeflecht verklärt und Robert Walsers Prosa bestenfalls gelten läßt als duftiges Spinnengewebe.

Sollte also Lettaus Sache von vornherein verloren sein? Doch seine Geschichten weisen etwas auf, das auch die bärtigsten Vorurteile leicht unterlaufen kann: sie haben Charme. Das ist, wohlgemerkt, auch eine literarische Kategorie, dann nämlich, wenn die Sprache selbst diesen Zauber, den Charme veranstaltet, wenn sie mit wenigen leichten Handgriffen dem Leser den harten Asphaltboden der Wirklichkeit und des Alltags unter den Füßen wegzieht und den Schwebenden, Fallenden auffängt in ihren eigenen Netzen. Genau das geschieht hier. Denn was erzählen diese Geschichten?

Da erfindet ein Herr Muck-Bruggenau ein neues Kursbuch, unzufrieden mit dem zu "vordergründigen" landläufigen Standardwerk. Anhänger fallen ihm bald zu, auch Auskunftsbeamte, und schließlich muß sich das ganze offizielle Eisenbahnwesen dem erdichteten Kursbuch anbequemen, das die Reisenden künftig umständlicher, irrationaler, aber auch glücklicher zum Zielort gängelt.