Zu einem Buch, über die wirtschaftspolitische Wandlung der SPD

Von Roland Nitsche

Die Physik kennt die Mischung zweier Flüssigkeiten trotz eines trennenden Mediums und nennt diese erstaunliche Erscheinung Osmose. Auch der Kulturgeschichte ist es nicht fremd, daß Ideen, die scheinbar nicht mischungsfähig sind, durch das trennende Medium politischer Gegensätze in eine Vermischung geraten, die man „Ideen-Osmose“ nennen könnte.

Diese erklärt sich kulturpsychologisch daher, daß keine Epoche mit einem ungelösten Nebeneinander antithetischer Grundideen andauern kann. Der geistige Selbsterhaltungstrieb drängt vielmehr nach einer Auflösung der Gegensätze und strebt nach neuen Lebens-Mittelpunkten. Auch der heranwachsende Mensch wird erst Mensch im Vollsinn, wenn er das pubertäre Neben- und Gegeneinander seiner Wesenszüge zu dem ihm eigentümlichen Charakter ausgebildet hat. – Die Wechselwirkung, die grundlegende Kulturideen aufeinander ausüben, ihre ständige Vermischung und gegenseitige Assimilation auf höherer geistiger Ebene, ihre neuerliche Spaltung zur Gegnerschaft, die nach abermaligem Ausgleich sucht, ist wohl das, was Max Weber die „Lebensaggregierung“ nennt.

Betrachtet man unter diesem kulturgeschichtlichen Gesichtspunkt die herrschenden Sozial- und Wirtschaftsideen unserer Zeit, dann löst sich ihr vordergründiges Gegeneinander in eine Fülle von Ausgleichs- und Assimilationstendenzen auf; die scheinbare Starrheit der politischen Fronten reduziert sich zu einer Vordergrundkulisse, hinter der entscheidende geistige Umbauten vor sich gehen, die – vielleicht – eine heute noch gar nicht zu erahnende neue Synthese ankündigen.

Sozialistische Neuorientierung

Man denke nur, wie aus dem einst schroffen Gegeneinander von Katholizismus und Liberalismus ein neues Verständnis der Marktwirtschaft für die christliche Sittenlehre erwuchs. Man erinnere sich auch, wie die christliche Soziallehre die ethischen Zielsetzungen des neuen Liberalismus immer verständnisvoller würdigt. Gibt man weiterhin zu, daß die sozialen Tendenzen der modernen Marktwirtschaft längst nicht so lebendig geworden wären, hätte dem Liberalismus der sozialistische Druck gefehlt, und erinnert man sich an den sozialistischen Weg von wildester Religionsfeindschaft zu der Behauptung, er sei „in christlicher Ethik verwurzelt“ (Grundsatzprogramm der SPD Bonn 1959), dann wird man nur wenig erstaunt sein, daß auch das liberale Gedankengut auf den Sozialismus von heute nicht ohne bestimmenden Einfluß blieb. Ideen-Osmose also auch hier.