Die Wallstreet-Schwäche ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die vermutete YVirtschaitsfeindlichkeit der Regierung

New York, Ende Mai

Seit dem 15. März vollzieht sich am New Yorker Aktienmarkt eine ungewöhnliche Baisse. In der zweiten Maiwoche erreichten die Kursverluste einen Umfang, wie er seit der berühmten letzten Septemberwoche des Jahres 1955 unmittelbar nach Präsident Eisenhowers Herzattacke nicht mehr verzeichnet wurde. Hat man in diesen Tagen Gelegenheit, mit den Wirtschaftsspezialisten der Washingtoner Regierungsämter die wirtschaftliche Situation des Landes zu erörtern, so kehren die Gespräche auffallenderweise immer wieder zu den letzten Entwicklungen in Wallstreet zurück. Das ist eine ungewöhnliche Erscheinung, weil man sich in den Washingtoner Regierungsstellen im allgemeinen nicht allzusehr um Wallstreet zu bekümmern pflegt. Der Grund für das Abweichen von der üblichen Gewohnheit ist darin zu suchen, daß die Wirtschaftssachverständigen der Regierung sehr wohl wissen, daß der New Yorker Aktienmarkt im Laufe der letzten Jahre im allgemeinen recht zutreffend die spätere Konjunkturentwicklung vorausgesehen hat. Man fragt sich daher in den Kreisen der Regierungsexperten mit einer gewissen Besorgnis, ob sich nicht vielleicht hinter der seit nun zwei Monaten anhaltenden Baissebewegung an der New Yorker Börse mehr verbirgt als nur eine gewisse Mißstimmung der Börsenkreise über die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Kennedy-Regierung und als eine notwendige Revision des Kursniveaus, das zweifellos am Ende des letzten Jahres im Vergleich zu den Gewinnen der Wirtschaftsunternehmungen und zu ihren Renditen überhöht gewesen war. Man hegt vielmehr auch in den Regierungsstellen Befürchtungen, ein so fortgesetzter Kursrückgang der sogenannten „Marktleaders“, also hochqualifizierter Aktienwerte und nicht nur der Valoren von fragwürdigem Wert, könnte möglicherweise bereits den Beginn eines späteren Konjunkturrückganges, entweder am Ende dieses oder am Beginn des nächsten Jahres, anzeigen!

Diese Erwägungen sind keine bloßen Mutmaßungen. Sie haben vielmehr insofern einen realen Hintergrund, weil die Aufwärtsbewegung der Konjunktur bereits seit geraumer Zeit an Kraft und Schwung verloren hat. Gewiß, das Bruttonationalprodukt, einer der Hauptmaßstäbe der Konjunkturentwicklung, ist vorläufig noch im Steigen. Aber im ersten Quartal des laufende Jahres machte seine Zunahme nicht viel mehr als ein Drittel der Steigerung während des vieren Quartals 1961 aus, und der Aufschwung bleibt erheblich hinter den Voraussagen des Council of Economic Advisers, der einflußreichen Wirtschaftsplanungsbehörde der Kennedy-Regierung, zurück.

Fonds machten den Anfang

Andere fast noch bedeutsamere Anzeichen lassen darauf schließen, wie problematisch die Fortdauer des Konjunktur Aufschwunges in gar nicht so ferner Zukunft geworden ist. Der Rückgang des Auftragseinganges in den bedeutsamsten Industriezweigen hat sich im Laufe der beiden vergangenen Monate zunehmend verschärft. Gewiß ist es möglich, daß die Abnahme des Auftrageinganges nur vorübergehender Natur ist, wie dies häufig bei früheren Aufwärtsbewegungen der Wirtschaft der Fall war. Wenn allerdings der Rückgang weiterhin mit ähnlicher Stärke anhalten sollte wie zuletzt, so würde man hierin wohl ein Indiz für einen späteren Konjunkturumschlag zu erblicken haben. Ebenso wird die fortdauernd abnehmende Lagerhaltung der Wirtschaft als entäuschend empfunden. Eine weitere Fortdauer dieser Tendenz würde gleichfalls Rückschlüsse auf eine bevorstehende Konjunkturwende zulassen. Es darf nicht übersehen werden, daß alle diese Entwicklungen in Wallstreetkreisen sehr genau beobachtet werden. Insbesondere die Spezialisten der großen Investment Fonds und anderer institutioneller Investoren haben aus Gründen der Sicherung vor der bloßen Möglichkeit eines späteren Konjunkturrückschlages rechtzeitig Liquidationen am Aktienmarkt vorgenommen und damit wohl an erster Stelle den starken Rückschlag ausgelöst.

Die Skepsis in Wallstreetkreisen und damit in den Kreisen der großen und ausschlaggebenden Investoren wurde besonders durch den scharfen Widerstand der Regierung Kennedy gegen Preiserhöhungen der Grundprodukte der Industrie gefördert, weshalb denn auch die Baissebewegung am Aktienmarkt unmittelbar nach Präsident Kennedys Druck auf die Stahlindustrie, die Preiserhöhung rückgängig zu machen, stark ins Rollen kam. Erstens erblickte man in Börsenkreisen in dieser Stellungnahme der Kennedy-Administration eine Einmischung der Regierung in die Wirtschaft und in die wirtschaftliche Führung der Unternehmungen. Vor allem fürchtete man aber, mit der Verhinderung vielfach erforderlicher Preissteigerungen als Ausgleich für die erhöhten Produktionskosten die Gewinnmargen weiterhin eingeschränkt werden. Hierin witterte man aber in Kreisen der Wirtschaftsspezialisten der Wallstreethäuser die Gefahr des Eintretens einer neuen Rezession.