Seit Anfang Mai spielen sich an der Grenze zwischen Rotchina und der britischen Kronkolonie Hongkong Szenen von peinlicher Tragik ab. Tag für Tag strömen Tausende von Flüchtlingen, vom Hunger getrieben und von ihren ratlosen Behörden nicht gehindert, aus dem Reiche Mao Tse-tungs in das vermeintliche Paradies am Perlenfluß; Tag für Tag werden Tausende wieder über die Grenze abgeschoben. Die Engländer sahen sich gezwungen, zwischen den New Territories und dem kommunistischen China einen Stacheldrahtzaun aufzurichten, um zu verhindern, daß ihre ohnehin überfüllte Stadt – deren Bevölkerungszahl sich seit Kriegsende vervielfacht hat – von der Menschenschwemme aus dem Norden hoffnungslos überflutet wird.

Man mag sie darob nicht schelten, so wenig man Schiffbrüchige schelten mag, wenn sie niemanden mehr in ein überfülltes Rettungsboot lassen. Als Auffangbecken ist Hongkong einfach zu klein für den gewaltigen Flüchtlingsstrom. Aber müßte sich die freie Welt nicht in Grund und Boden schämen, wenn sie nicht anders als mit Verboten, Verhauen und Zwangsmaßnahmen mit der Wöge des Elends fertig würde, die über der Kronkolonie zusammenzuschlagen droht? Den Engländern kann man vorwerfen, daß sie nicht früh genug Alarm geschlagen haben; uns allen in der Welt, die sich die freie nennt, ist indes der Vorwurf nicht zu ersparen, daß wir zu spät – viel zu spät – erst aufgemerkt haben.

Den Flüchtlingen von Hongkong muß geholfen werden, wie 1956 den Ungarn-Flüchtlingen in Österreich geholfen wurde. Dazu braucht England die Unterstützung seiner Freunde. Es braucht aber vor allen Dingen die Unterstützung und Mitarbeit Tschiang Kai-scheks. Die Deutschen, die Griechen, die Vietnamesen und die Koreaner – sie alle haben ihren Flüchtlingen eine helfende Hand gereicht, haben ihnen Zuflucht geboten und neue Heimat. Der greise Generalissimus auf Formosa hingegen hat sich bisher aus fadenscheinigen Gründen gesträubt, mehr als tausend Flüchtlinge im Jahr aufzunehmen. Es ist eine Schande, daß er sich erst unter dem Druck der Amerikaner und Briten zu der Erklärung bequemte, er sei bereit, hinfort alle China-Flüchtlinge aufzunehmen, die auf seine Insel wollen. In der Fürsorge für seine unglücklichen Landsleute kann er seinen Anspruch, das ganze China zu vertreten, weit wirksamer kundtun als in hohlen Deklamationen. ts