Im gesamten Bundesgebiet fanden am vergangenen Wochenende Übungen und Vorführungen des Bundesluftschutzverbandes statt – damit das getan werde, was Professor Carl Friedrich von Weizsäcker in seinen Erläuterungen zum „Memorandum der Acht“ in der ZEIT (Nr. 12) so formuliert hat: „Die Bevölkerung ist über richtiges und falsches Verhalten zur Vorbereitung auf den Ernstfall und im Ernstfall wahrheitsgemäß und gründlich aufzuklären. Sie ist in möglichst weitem Umfang in Erster Hilfe auszubilden“. In gleichem Sinne lauten die Thesen, die der Amerikaner Edward Teller, der „Vater“ der Wasserstoffbombe, für den denkbaren „Atomfrieden“ aufgestellt hat: „Die Entwicklung einer entsprechenden passiven Verteidigung in Form von Bunkern, Luftschutz-Organisationen und Mitteln, welche unsere Nation nach einem Angriff wiederherzustellen vermögen. Stehen wir in der richtigen Bereitschaft, dann können wir überleben ... Das einzige, was uns schlagen könnte, heißt Angst: Die Überzeugung, daß wir nicht mehr davonkommen. Doch auch die Angst kann durch vernünftige, geplante Aktionen besiegt werden.“ Wie ist es mit dieser Bereitschaft in der Bundesrepublik bestellt?

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Ein schneeweißer Polizeiwagen fährt langsam voraus, und ein flinker Motorradpolizist regelt von Kreuzung zu Kreuzung den Verkehr: Hinterher trotten in Gruppen und Grüppchen, zu zweit, zu dritt und auch einzeln, die Kriegsdienstgegner aus Nordrhein-Westfalen, um vor der amerikanischen Botschaft in Mehlem bei Bonn die Einstellung der Atomtests zu verlangen – eine von vielen Demonstrationen dieser Art in der Bundesrepublik. Seinerzeit sind sie auch nach Rolandseck, zur sowjetischen Botschaft, marschiert. Jetzt sind die Amerikaner an der Reihe. „Warum Presse nur böse bei Russen?“ fragt ein Plakat, das von einem Demonstranten auf Bauch und Rücken getragen wird. Diese Leute sind böse auf alle, die testen, aber sie benehmen sich dabei sehr manierlich.

Seltsam, wie sich die Atombombengegner in aller Welt gleichen. Diese jungen Mädchen, diese jungen Männer muß ich schon irgendwo gesehen haben – war es in New York? War es in der Wochenschau, in Aufnahmen von britischen Atomdemonstrationen? Auch die paar älteren, seriösen Herrschaften fehlen nicht. Und der Pfarrer. Hier ist es Pastor Günneberg. Einige Demonstranten sehen aus wie kaufmännische Lehrlinge, andere wie Existenzialisten aus Paris oder „Beatniks“ aus New York, aber daß es kein Karneval entgleister Halb- und Ganzintellektueller ist, merkt man am heiligen Ernst, mit dem der Zug durch die Diplomatenstadt Godesberg zieht. „Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“, lautet eine Parole, und: „Hätte Jesus die A-Bombe genommen eine andere.

Nein, sicherlich nicht, bemerkt ein Zuschauer – aber Jesus hätte auch nicht die Handgranate, den Flammenwerfer und das Giftgas genommen. „Ob Ost, ob West, kein Atomtest!“ verlangt das dritte Plakat, und sein Träger erklärt im Weitergehen – denn Stehenbleiben ist nicht mit der Polizei vereinbart –, es sei seine Meinung, daß die Einstellung der Atomtests auch die militärische Bedeutung der Atomwaffen hinreichend vermindern würde, um der Welt (nach und nach) den Atomfrieden zu sichern. „Sehen Sie, wenn die nicht mehr knallen dürfen – und jeder hat nur das, was auch der andere hat –, hebt sich die Chose von selber auf, und die einigen sich eines Tages, daß es keinen Sinn hat...“ Der junge Mann mit wehenden Locken ist Schlosser und sieht wahrhaftig nicht danach aus.

Eine ranke Studentin sieht mich eisig an, als ich sie frage, warum sie glaube, dieser Fußmarsch – oder irgendein anderer – könne irgendeine Sinnesänderung bei Kennedy oder Chruschtschow bewirken: „Wenn sich die Menschen überall in der Welt zusammentäten, um, wie wir, zu demonstrieren, würde es schon etwas bewirken!“

Es ist kalt, vom schlammbraunen Rhein pfeift ein unangenehmer Wind, aber diese Menschen stört es nicht.