Die Hauptversammlungen der drei großen IG-Farben-Nachfolger (BASF, Bayer, Hoechst) liegen hinter uns. Sie fielen in eine Zeit extremer Börsenschwäche. Daher hätte man eine gesteigerte Kritikfreudigkeit der Aktionäre erwarten können, die sich üblicherweise in Zeiten steigender Kurse sehr viel friedvoller verhalten als dann, wenn sie Tag für Tag sehen müssen, daß ihre Papiere an Wert verlieren. Aber solche Befürchtungen erwiesen sich als falsch. Sieht man von der lebhaften Diskussion über die Höhe des Ausgabekurses für die jungen Aktien der Farbwerke Hoechst ab, so sind die Hauptversammlungen sogar ruhiger verlaufen als in den Vorjahren. Angesichts gewisser Ertragsverschlechterungen wäre es auch müßig gewesen, über etwaige Dividendenerhöhungen diskutieren zu wollen. Rekordergebnisse sind 1961 auch hier ausgeblieben.

Von der Börse sind die Ausführungen der Vorstände der IG-Farben-Nachfolger mit großer Spannung erwartet worden. Interessiert hat vor allem das, was über das neue Geschäftsjahr sowie über die weiteren Aussichten gesagt worden ist. Nun, Sensationen hat es in dieser Hinsicht nicht gegeben. Man strahlte Zuversicht aus, aber nichts deutet darauf hin, daß schon in absehbarer Zeit wieder an die Ergebnisse von 1960 angeknüpft werden kann. Deshalb gingen von den Hauptversammlungen für die Börse auch keine Kaufanregungen aus, obwohl nahezu übereinstimmend die Meinung vertreten wird, daß die heutigen Aktienkurse der großen Chemie-Gesellschaften durchaus als „billig“ bezeichnet werden können.

Die Aktionäre konnten bei jeder Gesellschaft die Überzeugung mit nach Hause nehmen, daß nirgends die Hände in den Schoß gelegt werden. Jedes Unternehmen versucht auf seine Weise, mit der veränderten geschäftlichen Situation fertig zu werden. Nicht zuletzt durch die DM-Aufwertung ist die deutsche Chemie in einen harten Wettbewerbswind geraten. Die amerikanische Konkurrenz – teilweise mit Dumpingpreisen arbeitend – ist selbst auf den deutschen Märkten spürbar geworden. Bei der BASF reagiert man darauf mit einer Bereinigung des Fabrikationsprogramms. Es sieht eine schärfere Wendung in Richtung auf die gewinnbringendere Weiterverarbeitung vor. Eine solche Umstellung wirft ganz natürlicherweise die Frage auf, inwieweit die bisherige Investitionspolitik richtig gewesen ist. Kritiker behaupteten schon seit langem, daß gewisse Vorstände in der Vergangenheit zu sehr wissenschaftliche Überlegungen in den Vordergrund gestellt und zu wenig kaufmännische Belange berücksichtigt haben. In einer Zeit ständiger Produktions- und Absatzausweitung konnte man großzügig planen und auch eine Art autarker Geschäftspolitik treiben. Künftig wird der Faktor „Kapital“ eine größere Rolle spielen. Angesichts der gedrückten Aktiennotierungen schwinden die Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung zu hohen Ausgabekursen oder über den Verkauf von Verwertungsaktien.

Die Verwaltung der Farbwerke Hoechst verteidigte auf ihrer Hauptversammlung den hohen Ausgabekurs von 275 % für ihre jungen Aktien. Die Kapitalerhöhung 10:1 soll rund 200 Mill. DM neu in die Kasse bringen. Das ist die Hälfte von dem, was in einem Jahr für Investitionen ausgegeben wird. Eine nennenswerte Opposition gegen den Ausgabekurs hat es auf der Hauptversammlung nicht gegeben, aber die eigentliche Abstimmung über die Angemessenheit des Bezugskurses findet nicht in der Hauptversammimg, sondern am Bankschalter statt. Mit Spannung wartet man deshalb auf die Bezugsrechtnotierung. Namhafte Bankfachleute hatten gegen den hohen Kurs in internen Beratungen Bedenken geäußert, doch die Hoechster Verwaltung glaubte an dem Bezugskurs von 275 % festhalten zu müssen. Er bringt eine weitere beträchtliche Verstärkung der Reserven und erleichtert künftige Dividendenzahlungen. Aus den Ausführungen des Chefs der Farbwerke Hoechst, Prof. Winnacker, war zu entnehmen, daß das Unternehmen bei seiner bisherigen Politik bleiben will, die darauf ausgerichtet ist, zu forschen und ständig Neues und Besseres zu schaffen, in der Zuversicht, daß dann der Verkauf der Produkte automatisch vor sich geht.

Die Farbenfabriken Bayer werden ihre Aktionäre erst wieder im kommenden Jahr um neues Geld bitten. Bis dahin ist die Investitionsfinanzierung gesichert. Von den aus der letzten Kapitalerhöhung angefallenen Verwertungsaktien ist bislang nur ein Posten von 0,45 Mill. außerhalb der Börse placiert worden. In nächster Zeit sollen keine Verwertungsaktien an die Börse abgegeben werden. Bayer unternimmt große Anstrengungen, seinen Exportanteil zu halten. Für Bayer, so sagte der neue Generaldirektor Hansen, sei der Export nicht eine Achillesferse oder ein Anhängsel des gewinnbringenden Inlandgeschäftes, sondern eine gleichermaßen tragfähige Säule. Von den Pflanzenschutzmitteln gingen 1961 etwa vier Fünftel ins Ausland, vom Farbensortiment und von den Gerbstoffen rund zwei Drittel. Besondere Erwartungen verbindet die Gesellschaft mit der Inbetriebnahme neuer Produktionsanlagen.

Über eines kann kein Zweifel bestehen: Wenn nicht dramatische Ereignisse in diesem Jahr eintreten, wird es für 1962 bei allen drei Gesellschaften wieder Dividenden von 18 % geben. Trotz der Verschlechterung in der Ertragsentwicklung machte die für die Dividendenzahlung erforderliche Summe immer nur einen Teil des tatsächlich erwirtschafteten Gewinnes aus. Wer heute beispielsweise Aktien der BASF zu einem Kurs von rund 420 % erwirbt, kann sich eine ziemlich sichere Rendite von rund 4,2 % ausrechnen. Er braucht nicht zu befürchten, daß sie sich in absehbarer Zeit verschlechtern wird.

Mit unserem heutigen Gespräch, meine verehrten Leser, verabschiede ich mich für einige Wochen von Ihnen. Ich hoffe, daß nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub besseres Börsenwetter herrschen wird. Ihr Securius