Paris, im Mai

Zum sechzehntenmal ist General de Gaulle in der französischen Provinz von Kirchturm zu Kirchturm geeilt, um das Füllhorn seiner elyseeischen Beredsamkeit über die Gläubigen auszugießen. Und wie alle früheren Tourneen war auch diese ein sensationeller Erfolg. Das Volk strömte in Massen herbei, ließ sich bezaubern, fiel in hypnotischen Schlummer und ward befreit von aller irdischen Schwere.

De Gaulle sagte: „Ein Mann ist ein Mann; Hindernisse sind für ihn Hindernisse, Kummer für ihn Kümmernisse, Schwierigkeiten Schwierigkeiten; aber Frankreich ist Frankreich, und man muß ihm dienen“ (so in Cahors).

Man könnte diese Art Volksweisheiten beliebig variieren. Beispielsweise: Der brave Mann hat Gold im Mund; wer im Glashaus sitzt, kommt darin um; man soll den Storch nicht an die Wand malen; ein Schutzmann kommt selten allein ... Und in der Tat treiben die Franzosen dieses Wörterspiel, um sich über den General zu amüsieren. Sobald sie ihn jedoch dergestalt in der Provinz reden hören, geschieht es ihnen, daß sie ganz angetan von seinem Stile sind.

Bei solchen Anlässen einer Reise steigt der General majestätisch aus der Wolke hernieder, spricht seine magischen Worte, und das Unaussprechliche wird Ereignis. In Limoges erklärte de Gaulle unter donnerndem Applaus, Frankreich habe seine eigene Persönlichkeit und seine eigene Anschauung von den internationalen Problemen. Dabei hatten gerade zuvor die fünf volksrepublikanischen Minister, die de Gaulle ins Kabinett gelockt hatte, mit Eklat die Regierung verlassen, weil sie es nicht für richtig hielten, daß die „eigene Persönlichkeit“ Frankreichs „eigene Anschauungen über die internationalen Probleme“ habe.

Ja, was braut sich zu Füßen des Olymps zusammen? Handelt es sich wirklich nur – wie de Gaulle sagte – um „launische Kaprizen“ einiger Politiker, die sich höherer Einsicht verschließen? Keineswegs! Die von europäischem Geiste beseelten Politiker der katholischen Partei (MRP) – allen voran der Elsässer Pflimlin – sind gewöhnt, um sich zu schauen: In Straßburg wandte sich Spaak entrüstet gegen de Gaulles „karikierende Verzerrung“ der integrationistischen Europa-Vorschläge. Kennedy ließ in seiner jüngsten Pressekonferenz schon kaum mehr eine Anstrengung erkennen, die Meinungsverschiedenheiten zwischen Washington und Paris zu bagatellisieren. Die jüngsten Verlautbarungen Adenauers machen es offensichtlich, daß de Gaulle auch von Bonn keine bedingungslose Unterstützung seiner europäischen und atlantischen Politik erwarten darf. Und wenn nicht alles täuscht, ist eine starke Mehrheit französischer Deputierter im Begriffe, zur gaullistischen Europa-Politik in Opposition zu treten.

Krise also? Ja, Krise! Zum erstenmal in der V. Republik hat sich die Basis für eine kräftige Opposition geboten, die Ministerpräsident Pompidou fürchten muß, wenn er beim nächsten Male vor das Parlament tritt. Doch was könnte einen de Gaulle hindern, sich jene Mehrheit für seine Europa-Politik, die ihm die Nationalversammlung versagt, durch eine Volksbefragung zu besorgen?

Rudolf Fischer