Von René Drommert

Als ich bei strahlender Mittagssonne im Auto von Nizza nach Cannes fuhr, geriet ich mit meinem zufälligen Reisegefährten, einem deutschen Filmproduzenten aus Rom, schnell in ein Gespräch und fast ebenso schnell in die Fachsimpelei.

Als ich meinte, die Produktionsapparate der Filme sollten nicht nach irgendwelchen „abstrakten“ technischen und organisatorischen Gesichtspunkten, sondern nach Maßgabe ihrer geistigen Antriebskräfte aufgebaut werden, stimmte er mir lebhaft zu.

Nanu, hatte ich ihn (oder er mich) mißverstanden? Er hätte als Produzent gegen solch eine Abfassung doch protestieren müssen? Aber nein, mein Reisegefährte wies auf das italienische Beispiel hin: „Sehen Sie, in Italien ist der Kinobesuch vom 1. April 1961 bis zum 31. März 1962 gegenüber dem Berichtsjahr 1960/61 um 26 Prozent angestiegen, trotz der großen Konkurrenz des Fernsehens. Woran das liegt? Nur an der hohen Qualität des italienischen Films. Und lassen Sie sich nur ja nicht durch das Scheinargument ins Bockshorn jagen, das läge an der Hilfe des Staates. Der Staat hilft lediglich mit Geldern, die er sich aus dem – Kino holt.“

Gewiß, das war ein guter Gesichtspunkt: in den kommenden Tagen im Palais du Festival die Filme, woher auch immer sie kommen, unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, ob die geistigen und künstlerischen Antriebskräfte und der Aufwand einigermaßen im Gleichgewicht seien: nicht nur der organisatorische und finanzielle, sondern auch der Aufwand an künstlerischer Technik.

Und da erlebte ich denn gleich am ersten Abend die erste Enttäuschung – und sie sollte keineswegs die einzige bleiben. Gezeigt wurde der Film „L’ange exterminateur“ von jenem Luis Buñuel, der vor Jahrzehnten mit seinem „Andalusischen Hund“ Aufsehen erregt und im vorigen Jahr in Cannes für seine „Viridiana“ die Goldene Palme bekommen hatte.

Man kann dem neuesten, von Mexiko präsentierten Film Buñuels souveräne Regie nicht absprechen. Aber es gibt eine Art Leerlauf der Faszination. Im Combat war eine Kritik zu lesen, nach der man von diesem Film bereits verführt wird, bevor man ihn analysiert hat. Ich möchte es umgekehrt ausdrücken: Man wird nur verführt, bevor man analysiert, das heißt sich die geistig: Konstruktion des Drehbuchs klargemacht hat Im Drehbuch ist ein peinliches Gemisch von existentialistischen und surrealistischen Mitteln, die sich herzlich schlecht vertragen. Die Geschichte spiel: in einer vornehmen Villa an der „Straße der Vorsehung“ (mit diesem Begriff der „Providencia“ setzt bereits das ganze ebenso pathetische wie unergiebige Herumrätseln ein). Der Hausherr hat nach einer Vorstellung in der Oper viele Gäste mitgebracht. Der Abend beginnt dann auch fein im Rahmen gesellschaftlicher Konventionen, geh aber bald in eine Nacht der Auflösung der contenance über: die Moral zerbröckelt, der Egoismus des Trieblebens tritt unverblümt in Erscheinung, und die Gäste fallen einander bald greulich auf die Nerven. Das ist keine mexikanische Variante der „Dolce vita“, man erinnert sich viel eher an die Sartresche Formel: die Hölle, das sind die anderen. Es ist schon längst nicht mehr möglich das Haus zu verlassen. Mit Verwunderung hatte man übrigens zu Anfang der Story wahrgenommen, daß die meisten Diener ausgebüchst waren, das Haus verlassen hatten wie die Ratten das sinkende Schiff. Warum eigentlich? Steve Passeur hat es in L’Aurore unverblümt ausgedrückt: „Ich habe absolut nichts verstanden“ – womit er nicht etwa nur diese Stelle meinte.