In diesem Fortsetzungsbericht hatte Robert Neumann als letztes über seine verschiedenen Begegnungen mit Jacob Wassermann und Emil Ludwig berichtet.

Da nun einmal von Ludwig die Rede ist: wir kamen damals in Ascona auf Thomas Mann zu sprechen. Ludwig sagte: „Ein Nichtskönner, ein einziger, großer Bluff! Sein sogenannter Ruhm wird zerplatzen wie eine Seifenblase. Wissen Sie, was das einzige ist, das von ihm übrigbleiben wird? Meine Parodie auf ihn! Was, kennen Sie nicht? ‚Tommy in Weimar‘! Vernichtend. Seither verfolgt er mich mit seinem tödlichen Haß!“

Ich traf Thomas Mann eine Woche später, noch in der Schweiz. „Sie kommen aus Ascona?“ sagte er. „Wie geht es Ludwig? Er soll krank sein – wir haben seit Jahr und Tag nichts mehr von ihm gehört.“ Und zu seiner Frau: „Wenn wir nächsten Monat hinunterfahren, müssen wir zu Ludwig gehen!“

Er hatte von der ganzen Fehde und von seiner Vernichtung durch Ludwig nichts bemerkt!

A propos falsche Nummer. Auch Alfred Döblin, der andere große jüdische Autor des Fischer Verlages, hatte das Pech, mit der falschen Nummer verbunden zu werden, als Hitler kam. (Richtige Nummern wußte die Firma selbst, die des blond blauäugigen Fischer-Autors Otto Flake zum Beispiel; und wie der dazu kam, ein Treuegelöbnis für den Führer zu unterzeichnen, darüber berichtet er auf Seite 448 seiner bei Sigbert Mohn erschienenen Autobiographie. Und wie 1946, als alles vorüber war, sich dann herausstellte, daß es eben deshalb nun doch erst recht auch für ihn eine falsche Nummer gewesen war, das steht auf Seite 582 im selben Buch.)

Wovon sprach ich eben? Döblin. Er lebte dann in Frankreich, glaube ich,-und als Frankreich 1940 überrannt wurde, bekam er gleich ein paar anderen Gefährdeten eines Tages einen Vertrag der Metro-Goldwyn. Ich kenne ihn, denn auch ich war unter denen, die ihn bekamen. Es war kein glanzvoller Vertrag, aber er bot eine Existenzgrundlage für ein Jahr in Hollywood, als Script Writer der Metro – und das Entscheidende war: mit so einem Vertrag bekam man das amerikanische Visum. Diese Hilfsaktion im letzten Augenblick war den Frauen Bruno Franks und Wilhelm Dieterles zu danken: Sie hatten die Metro belagert und diese lebensrettenden Kontrakte durchgesetzt. Ich blieb in England, aber Döblin ging nach Hollywood – mit zwölf anderen. Diese dreizehn – so erzählte mir Döblin, als ich ihn 1947 traf – standen dafür, daß man sie bezahlte, unter einem Gebot und unter einem Verbot. Gebot: täglich von neun bis fünf im Script Writing Department der Metro-Goldwyn zu sitzen, jeder in seinem Zimmer. Verbot: während dieser acht Stunden tatsächlich zu arbeiten. Sie durften nichts tun, buchstäblich nichts. Keiner der dreizehn wurde auch nur zu der kleinsten Hilfsarbeit herangezogen – nicht Döblin, nicht Heinrich Mann, nicht Walter Mehring, keiner.

Döblin erzählte mir das also 1947, in Baden-Baden, im Hotel Stephanie, in einem recht luxuriösen Appartement, das man in ein Büro verwandelt hatte. Man hatte ihn in eine französische Obersten-Uniform gesteckt und ihm gesagt: Du weißt ja doch Bescheid, wer von den Deutschen bei den Nazis mitgemacht hat. Denen geh aus dem Wege – und mit den anderen, mit dem Anderen Deutschland, fang hier in der französischen Zone das neue deutsche demokratische kulturelle Leben an!