Das kleine Café mit dem linoleumbedeckten Fußboden und den altmodischen Holzstühlen bietet nicht einmal eine „schöne Aussicht“, aber die Qualität des Kuchens „aus eigener Konditorei“ hat Berühmtheit erreicht, und die illustrierten Zeitschriften hängen stets griffbereit an ihren Haken. So ist denn das niedrige Stübchen immer gut besucht, so sehr besucht, daß selbst jene Tische besetzt sind, die, etwas im Dunkeln, in der Nähe der beiden obligaten Türen stehen. Indes – der Blick auf diese beiden Türen lohnt sich. Sie sind bemalt. Auf der einen prangt auf rosa Grund ein stolzer, schneeweißer Hahn, auf der anderen eine ebenso weiße, in ihren Proportionen allerdings völlig unbedeutende Henne. Für etwaige Zweifler wurde an der einen Tür ein winziges „h“, an der anderen ein verschämtes, kleines „d“ dazugepinselt. Aber noch ehe die vielfach aus den norddeutschen Städten kommenden Gäste sich auf diese derb-humorige Art von Wegweisern einstellen können, bleibt ihr Blick unweigerlich zwischen den beiden Türen haften, denn da hängt eine farbkräftige moderne italienische Keramik; ein Relief, das die Kreuzigung Christi darstellt.

Eine peinliche Entgleisung? Eine bloße Gedankenlosigkeit? Nichts von alledem. Diese seltsame Komposition ist ein Symbol für eine noch nicht beendete Karriere. Ein freundliches Symbol also für diejenigen, die der kühlen, allzu glatten Vollkommenheit eines Ferienortes den Reiz der kleinen Unbeholfenheiten und die von der Landschaft und dem Volkscharakter geprägten Kuriositäten des Geschmacks vorziehen. Ein Geschenk für die Feinde der Perfektion, in deren Augen die kleinen Unebenheiten willkommene Abwechslung sind und die die Langeweile nicht übersehen, die fast immer dann sich einstellt, wenn „alles stimmt“.

Solch ein noch vielseitig zu genießender, liebenswerter Ort ist Kohlgrub in Oberbayern. Gestern noch Dorf, heute „Bad“, befindet es sich genau in dem Stadium, in dem die gesunde bäuerliche Tradition den immer zahlreicher aus dem Boden wachsenden „fashionablen“ Hotels gerade noch soviel Bremswirkung entgegensetzt wie nötig ist, um jenen Charme der Unvollkommenheit zu erhalten.

Zwar ist die Funktion Kohlgrubs als Badeort nichtgar so neu. Im Jahre 1782 hatte sich in dem oberbayerischen Dörfchen eine optische Glasschleiferei angesiedelt. Das Unternehmen hat sich nicht halten können, und etwa hundert Jahre später, 1870, ersteigerte es der Universitäts-Syndicus Dr. Spengel, um – mit einem Seitenblick auf das kostbare, eisenhaltige Moor ringsum – aus dem ehemaligen Fabrikgebäude ein Kurhaus zu bauen. Der Zufall wollte es, daß fast gleichzeitig auf diesem Gelände eine Stahlquelle entdeckt wurde. Beides zusammen führte sehr schnell zu Heilerfolgen, die in der medizinischen Fachwelt starke Beachtung fanden. Dem Dorf trug dies einen für damalige Verhältnisse sehr schnell sich vergrößernden Strom von Badegästen ein. 1875 hatte das Dorf 2100 Gäste, 1895 waren es schon 4300 – eine Entwicklung, die erst mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges eine einschneidende Unterbrechung erfuhr.

Aber das Bemühen um die Wiederbelebung des Badebetriebes war zäh und erfolgreich: 1948 wurde dem Dorf der Name Bad Kohlgrub verliehen. 1961 zählte man zum erstenmal mehr als 10 000 Kurgäste, und nun ist des Bauens kein Ende. Waren es einst nur wenige Häuser, die sich um die alte, 1342 zum erstenmal urkundlich erwähnte Martinskirche scharten, so greifen die Arme der mit hübschen, behaglich aussehenden Fremdenheimen gesäumten Straßen heute weit aus. Im Mai 1960 wurde das „Haus der Kurgäste“ mit Konzertsaal, Leseräumen, Schreibzimmer, Bibliothek, Reisebüro und Kurverwaltung seiner Bestimmung übergeben. Ein komfortables Kino ist da, Kosmetiksalons wurden nicht vergessen, und wo vor nicht allzu langer Zeit noch eine Scheune stand mit einem respektablen Misthaufen davor, befindet sich heute eine „Boutique“. Wer je einen Blick in die Kohlgruber Chronik getan und die Bemerkung, daß Kohlgrub einmal als das deutsche St. Moritz bezeichnet worden ist, belächelt hat, der mag sich in diesem feschen Lädchen davon überzeugen, daß die Kundschaft zusammen mit der hoheitsvollen Kühle der Bedienung eine Atmosphäre schafft, die durchaus einen Stich ins St.-Moritzische hat.

Wem das nicht gefällt, der mag rasch über die Straße laufen, einen anderen Laden betreten, mit geschlossenen Augen tief einatmen und sich beseligt in seine Kindheit zurückversetzt fühlen, denn hier ist er in einem Geschäft, das man früher mit Fug und Recht „Kolonialwarenladen“ nannte. Fern von allen steril verpackten Selbstbedienungsprodukten. duftet es hier nach Äpfeln und Rosinen, nach Käse und Kaffee, nach sauren Gurken und frischem Brot.

Diese Doppelgesichtigkeit kommt selbst in der Landschaft zum Ausdruck. Das Dorf, das sich mit seiner Höhenlage von 900 Metern das höchstgelegene Moorbad Deutschlands nennen kann, liegt 90 Kilometer südlich von München, zwölf Kilometer vor Oberammergau und ist der rechte Ort für Menschen, die sich in die Nähe der Berge wünschen, ohne das Gefühl zu haben, „eingeschlossen“ zu sein und „klettern“ zu müssen, sobald sie den Fuß vor die Haustür setzen. Weit ist die Sicht auf die grünen, sanft gewellten, immer flacher werdenden Höhenzüge des Alpenvorlandes, auf das etwas zaghafte Blau des Staffelsees, an dessen Ufer Murnau liegt, jenes kleine Städtchen, in dem einst Kandinsky Jahre seines Lebens verbrachte und seine farbsattesten Bilder gemalt hat. Aber schon eine kleine Wendung des Kopfes genügt, um gleich mehrere Alpenketten auf einmal im Blickfeld zu haben, und wer mit der Seilschwebebahn zum 1548 Meter hohen Hörnle hinauffährt, wird angesichts der Zugspitze seine Freunde – und sei es per Postkarte – wissen lassen: „Es ist ein unvergleichliches Bild“.