Kann die Psychotherapie Allergikern helfen?

Von Thomas Regau

Die Lehre von den spezifischen Überempfindlichkeiten, den Allergien, war in ihren Anfängen, also am Beginn unseres Jahrhundert. ein Musterkind der naturwissenschaftlichen Medizin. Wie bei den Infektionskrankheiten, so nahm man auch bei den Überempfindlichkeitsreaktionen eine Auseinandersetzung an zwischen einem Eindringling, den man Allergen nannte, und spezifischen Abwehrstoffen, den sogenannten Antikörpern. Man hatte bei der Serumkrankheit die Erfahrung gemacht, daß bei intravenöser Einspritzung etwa von Pferdeserum dann stürmische, sogar tödliche Reaktionen auftraten, wenn das Versuchstier mit Pferdeserum vorbehandelt war. Der Organismus war also, so schloß man, spezifisch sensibilisiert. Die Medizin lernte, solche Zwischenfälle beim Menschen zu vermeiden, und sie benützte diese Erfahrungen zu diagnostischen Hautproben: Die verdächtigen Stoffe, gegen die ein Mensch überempfindlich sein konnte, wurden in feinsten Verdünnungen in die Haut eingerieben oder eingespritzt. Die Überempfindlichkeit gegen ein bestimmtes Allergen zeigte sich dann in einer heftigeren Hautreaktion als bei anderen Hautproben.

Bald erkannte men, daß Pollen und Blütenstaub, die zum Heuschnupfen führen, nicht die einzigen Allergene wären. Auch Mehl, Sägemehl, Haus- und Straßenstaub, Fasern von Wolle, Teile von Federn, Schuppen und Haaren konnten allergische Reaktionen hervorrufen. Neben Allergenen, die mit der Atmung in den Körper gelangen, entdeckte man andere in unseren Nahrungsmitteln. Die Umwelt schien zu einem großen Arsenal von feindlichen Allergenen zu werden, denn Kosmetika und Seifen, Medikamente vom alten Pyramidon bis zum neuesten Antibiotikum konnten bei sensibilisierten Men- schen heftige allergische Reaktionen hervorrufen, nicht nur die bekannte Nesselsucht und andere Hauterscheinungen, sondern schwere und stürmische, fieberhafte, schockartige Reaktionen. Selbst Stoffwechselprodukte, die in unserem Körper entstehen, Toxine und Ausscheidungsprodukte von Bakterier oder Eingeweidewürmern wurden als Allergene erkannt.

Ausnahmen häufen sich

Damit erweiterte sich auch die Skala der allergischen Krankheiten. Neben Nesselsucht, Heufieber, Ekzemen, Asthma, Arzneimittelexanthemen galten nun auch der Gelenkrheumatismus, manche Herz-, Gefäß- und Blutkrankheiten, einzelne Krankheiten des Nervensystems und der Verdauungswege als allergisch. Die ursprünglich strenge, klassische Allergielehre sprengte ihre Grenzen. Die Allergie wurde als die angeborene oder erworbene Fähigkeit des Körpers definiert, auf irgendeinen Reiz anormal zu reagieren.

Obgleich die Ausnahmen immer zahlreicher wurden, blieb die Regel unangetastet, daß die Allergie auf der Auseinandersetzung von Allergenen und Antikörpern beruhte, deren Produkt, das allergische ödem, man ja auch im Mikroskop nachweisen konnte. Die Lehre von den Allergenen war so klar und in den Einzelheiten elegant beweisbar, daß die Psyche als höchst unwillkommener Eindringling empfunden werden mußte. Die Frage seelischer Faktoren in der Genese allergischer Phänomene wird auch in den neuesten Lehr- und Handbüchern kaum erörtert, obgleich viele Beobachtungen die Wirkung psychischer Komponenten sehr gewichtig erscheinen lassen. So gab es Patienten, deren Heuschnupfen nicht nur im Blütenstaub einer Wiese, sondern bereits dann ausbrach, wenn sie ein Gemälde mit blühenden Wiesen betrachteten. Eine andere Kranke, deren Asthma einer Überempfindlichkeit gegen Rosen entsprang, wurde auch asthmatisch, wenn sie an Papier-Rosen roch.