M. W., London, im Mai

Jeder Brite weiß es: das Oberhaus ist ein Anachronismus. Aber das Oberhaus zu reformieren, geschweige denn, es abzuschaffen – dazu ist vorläufig niemand bereit. Auch der Drei-Parteien-Ausschuß, der sich nun mit dem House of Lords befassen soll, wird bestenfalls einige parlamentarische Neuerungen herbeiführen, keinesfalls aber eine gründliche Reform. Der Ausschuß wird sich nur mit den persönlichen Problemen von Aristokraten beschäftigen, die unter den Beschränkungen ihres hohen Standes leiden, vor allem darunter, daß „Peers of the realm“ dem Unterhaus nicht angehören können. Da politische Entscheidungen nur im Unterhaus getroffen werden, sind sie praktisch von den höchsten Regierungsposten ausgeschlossen. Es war eine vielkritisierte Sensation, als Macmillan Lord Home zum Außenminister ernannte. Undenkbar ist es, daß ein Premierminister im House of Lords sitzt.

Ein aktiver Politiker wie Lord Stansgate (der junge Sozialist Anthony Wedgwood-Benn) empfand seinen Ausschluß aus dem Unterhaus und die Verbannung ins Oberhaus als einen Schicksalsschlag von bitterer Ungerechtigkeit. Ähnlich erging es auch einem Mann wie Lord Hinchingbrook, der als konservativer Abgeordneter im Unterhaus nur darum sitzen darf, weil sein Vater, der greise Earl of Sandwich, noch am Leben ist. Und vor elf Jahren empfand es mit derselben Schärfe Quintin Hogg, der gegenwärtige Lord Hailsham. Er hätte sicher höhere Ämter erreicht, wenn er im Unterhaus hätte bleiben können. Bei der Oberhausdebatte über Möglichkeiten und Aufgaben des neuen Ausschusses erwähnte er, daß Winston Churchill niemals Premierminister geworden wäre, wenn der Herzog von Marlborough zufällig keinen direkten Erben gehabt hätte; dann wäre Winston Churchill sein Erbe gewesen und so – nolens volens – mit 21 Jahren Oberhausmitglied geworden. Es handelt sich also nicht nur um persönlichen Ehrgeiz, sondern um die Frage, ob das Land auf diese Weise nicht so manches staatsmännische Talent verliert.

Doch wie soll das anders werden? Sollen Peers das Recht erhalten, auf ihren Rang zu verzichten? Und soll das dann auf Lebenszeit geschehen oder für alle Ewigkeit gelten? Sollen etwa Minister, die dem Oberhaus angehören, das Recht erhalten, in Unterhausdebatten Rede und Antwort zu stehen? Gaitskell hat schon angekündigt, daß er dies bis zum äußersten bekämpfen würde.

In den letzten Jahren hat die Ernennung von Live-Peers und Live-Peeresses – Männer und Frauen, die auf Lebenszeit ins Oberhaus erhoben werden – den Anachronismus der zweiten Kammer etwas gemildert. Auch die Arbeit des Parteien-Ausschusses wird vielleicht eine weitere, kleine Anpassung an das 20. Jahrhundert bringen. Aber heute wie vor Jahrzehnten gilt das Wort, daß das Oberhaus eigentlich nur darum funktioniert, weil es nicht funktioniert. Theoretisch könnten 800 „edle Lords“ in der zweiten Kammer sitzen und durch ihr aufschiebendes Veto eine bedeutende Macht ausüben. Praktisch sitzen in der Regel kaum mehr als 50 Lords und Ladies auf den roten Bänken, und sie wissen genau, daß nur weise Zurückhaltung das Oberhaus am Leben erhält. Das Oberhaus träumt zwar gelegentlich von einer Reform, und das Unterhaus redet davon – aber schon seit fünfzig Jahren praktisch ohne Resultat. Selbst die Sozialisten, die sich gern darüber beklagen, daß die Oberhausmitglieder zu 90 Prozent Konservative sind, wünschen kein reformiertes Oberhaus, vor allem kein Oberhaus mit wirklichen Machtansprüchen. So bleibt es wohl weiter bei der Mischung aus Erblichkeitsprinzip und Ernennung auf Grund persönlichen Verdienstes, aus theoretischer Macht und praktischer Machtlosigkeit. Der weise und witzige Lord Famuil sagte einmal: „Beratungen über die Oberhausreform kommen mir vor wie Quadrillen, die man im Buckinghampalast tanzte: ein Schritt vor – ein Schritt zurück – zwei Schritte rechts – zwei Schritte links – und wieder zurück zur Ausgangsstellung.“