Als Fürsorger beim Städtischen Jugendamt

Von Heinz Stuckmann

Der Saal 165 des Amtsgerichts ist schmucklos und trist. An der hinteren Wand hängt ein Kruzifix ohne Korpus. Darunter sitzt der Richter und verliest die Anklage: "... wird hiermit angeklagt, als Jugendlicher in der Nacht zum 2. Oktober 1961 durch zwei selbständige Handlungen in der Absicht rechtswidriger Zueignung einem anderen fremde bewegliche Sachen weggenommen zu haben, indem er ..."

Die Schöffin zur Linken versucht dem Juristen-Deutsch aufmerksam zu folgen. Der Schöffe zur Rechten schaut zur Decke hinauf. An der linken Seite des Saales sitzt der Staatsanwalt und folgt in seinen Akten mit dem Bleistift dem Text der Anklage. Und links vom Staatsanwalt, aber zwei Stufen tiefer, habe ich meinen Platz. Ich bin Vertreter der Jugendgerichtshilfe beim Städtischen Jugendamt.

Der Richter liest vor: "Der Angeschuldigte Emil Jansen wohnt in der Jungenheimstatt St. Sebastianus. Da es ihm dort nicht mehr gefiel, plante er am 1. Oktober 1961, aus dem Heim auszubrechen. Sodann wollte er einen Wagen stehlen und in das Geschäft der Witwe Markmann einbrechen, um sich mit Geld und Lebensmitteln zu versorgen. In der Nacht zum 2. Oktober führte er sein Vorhaben aus..."

In der Mitte des Saales steht ein großer, kräftiger Junge und blickt dümmlich mal zum Richter, mal zum Staatsanwalt und dann wieder, hilfesuchend, zu dem Justizwachtmeister, der ihn hergebracht hat.

Ich kenne Emil Jansen seit drei Tagen. Vor drei Tagen saßen wir uns im Sprechzimmer des Untersuchungsgefängnisses gegenüber und hatten eine halbe Stunde Zeit. Er war es leid, die Geschichte zu erzählen – zum sechstenmal – die er vorher schon den Polizisten auf der Wache, zwei Kriminalbeamten, einem Haftrichter und einem Untersuchungsrichter erzählen mußte. Mit Mühe holte ich aus ihm heraus: Er hatte das Heimleben satt. Er wollte mal was sehen und erleben. Und mit dem Wagen wollte er nur "etwas fahren". Er weiß, daß so etwas bestraft wird, aber er ist dagegen, daß man es Diebstahl nennt: "Wir wollten ihn doch nicht behalten..." Dann war die halbe Stunde Sprechzeit vorbei.