Ein neues byzantinisches Zeitalter scheint angebrochen zu sein. Die Damen strahlen von Gold, es blendet überirdisch wie von Heiligenscheinen, doch gibt es keine naiven Heiligen auf Goldgrund mehr. Oder sie haben geschickt einen Steinschlag von Juwelen aufgefangen-, doch nicht im mindesten erreichen sie die erotische Majestät der Kaiserin Theodora von Byzanz auf den Mosaiken von Ravenna. Gold und Edelsteine waren einmal die höchste Auszeichnung auf dieser, zumeist von Armut erfüllten Welt, „in diesem Tale, das von Jammer schallt“, wie Bert Brecht näselnd sang. Sie sind jetzt jedermanns Begier, jedermanns Besitz, in steigendem Maße echt, da man sie „flüchten“ kann als wertbeständiges Kapital – und auch als Falsifikation, als Talmi: das Gold in Double nur ein Schein, als Lurex und Lamé und Brokat ein liebenswürdiger Täuscher, die Juwelen in teurem Schliff als Rose, Carrée, Baguette, Briolett, Navette und Cabochon, aber aus farbigem, schönem Glas, von Gablonz, Neu-Gablonz und Pforzheim hergestellt, oder als falsche Perlen, Simili und Straß mit Eifersucht die Konkurrenz mit dem Wertvollen erstrebend, dem arabergleich auf dem Körper mitgeschleppten Vermögen.

Man sagt den Frauen, sie seien nun endgültig emanzipiert, und sie glauben es. Nur handeln sie, siehe oben, nicht danach. Das Wort, das unseren Großmüttern, den angeblich unterdrückten, noch ein Nachtigallengesang war, klingt in unseren empfindlichen Ohren recht scharf. Die meisten von uns haben es satt, oder sie kümmern sich nicht darum. Denn was haben die Pankhurst und andere Kämpferinnen denn gewollt, als die gleichen Rechte wie die Männer, und worauf sind wir sitzen geblieben: auf den gleichen Pflichten, den gleichen Arbeiten.

Die leicht erschreckende Prunksucht hängt letzthin über unsere Emanzipiertheit eine seltsam blendende, irritierende Fassade mit Chi-Chi Zin-Zin und Fanfreluches, was Flitterwerk bedeutet. Chi-Chi ist original der Ausdruck für „Trubel um jemanden“; es gilt eigentlich als unelegant. Nur das Rokoko durfte sich ein Chi-Chi von Volants, Jabots, Gekräusel, Putz, Bändern, Schleifen, Blumen, Schirmchen leisten – während der Astronaut die stöhnende Mutter Erde umkreist, wirkt es doch überaus anachronistisch. Die Spielereien der Mode wollen den frühzeitigen Ernst der Mädchen, ihre Kameraderie, ihr pausenloses Roboten, die, sagen wir es ruhig, Vermännlichung der Frau schamhaft verhüllen.

Vielleicht ist es auch unsere uneingestandene Sehnsucht nach der Sorglosigkeit, die noch vor kurzem geherrscht hat, ehe zwei Kriege die ganze Welt überzogen. Vielleicht wünschen wir wenigstens für Stunden das süße Nichtstun, den süßen Leichtsinn der Jahrhundertwende nachzuempfinden. Unser Unbehagen an der gegenwärtigen verfahrenen Situation, die ab und zu drohend ihre Tigerpranke zeigt – die Chinesen nennen das Jahr 1962 das Jahr des Tigers –, will betäubt sein. Die malaise ist offenkundig. Armselige Zeiten haben früher den größten Luxus hervorgebracht, wie im Dreißigjährigen Krieg, als der Spitzenrausch der Herren Offiziere geradezu absurd wurde: Der weiße Schaum rieselte in Kaskaden über die Harnische und quoll aus den dreckigsten Schaftstiefeln.

Allein, damals gab es das in reichem Maße, was man heutzutage unter dem Sammelwort Kultur faßt. Unsere Prunksucht gibt sich recht parvenuhaft, recht nach Louis-Philippe, dem französischen Erfinder des Bourgeois, des Spießers, und nach Wilhelm mit dem Schnurrbart „Es ist erreicht“. Das Chi-Chi wird sich wohl vor allem der Neureichen bemächtigen, der Leute mit dem unsicheren Geschmack – doch wie oft geschah es in der Geschichte, daß die Kinder der Neureichen der neue Adel, die neue Elite wurden!

Und das Gold? Der Goldrausch unserer kurzen Tage? Am Bankschalter stand vor mir jüngst eine so wohlgerundete Frau, wie man sie bei Rössern nur unter Kaltblütern findet; sie verlangte einen Goldbarren. Der kleinste kostete viertausendachthundert Mark. Sie erwarb ihn und legte ihn ins Safe: in die Sicherheit, in das Gerettete. Nicht unklug, denn ich kenne eine überaus wohlhabende Dame, die ihr Vorkriegsvermögen in Goldstücken eingrub und nach dem ersten aller Weltkriege wieder hervorholte. Eine makabre Grundstimmung wird gern vergoldet, wobei man manchmal die Abendröte mit der Morgenröte verwechselt. Für eine Frau, die ihrer selbst sicher ist, kann nichts makaber sein.

Gold und Brillant, auch Diamant genannt, denn beides ist nur eine Bezeichnung des Schliffs, regierten als wahre Souveräne im Barock. Dieser Vergangenheit ist ein goldenes Kleid, ein Nonplusultra, der Vergessenheit entrissen worden, das die briefselige Madame de Sévigné beschrieben hat. Es gehörte der großen Maitresse des noch größeren Louis XIV., der Montespan, und sie bekam es als Huldigung der Hofgesellschaft von dem Höfling Langleé geschenkt, obwohl ihr Stern bereits im Sinken war. Der lyrische Erguß ist kaum zu übersetzen: