Von Robert Jungk

Leo Szilard, der 64jährige amerikanische Gelehrte, den viele schon nicht mehr unter den Lebenden glaubten, weil er vor drei Jahren scheinbar unheilbar an Krebs erkrankt war, hat es einmal mehr unternommen, ein ganzes Land gegen den Tod zu mobilisieren. Er war es, der in den dreißiger Jahren vermutlich als erster unter den Physikern erkannte, daß die Entwicklung der Atomforschung nicht nur große wissenschaftliche und technische, sondern auch gewaltige politische Konsequenzen haben müsse. Szilard nahm damals selbst entscheidend an den Experimenten teil, die zur ersten nachweisbaren Kettenreaktion führten; doch während die anderen Kollegen Enrico Fermi, dem Leiter des erfolgreichen Versuchs in Chikago, begeistert gratulierten, verband er seinen Händedruck mit dem Kassandraruf: „Dieser Tag war vermutlich der unheilschwangerste der Weltgeschichte,“

Im vergangenen November begann der Gelehrte eine Vortragstour durch amerikanische Universitäten, die mit der schockierenden Feststellung begann, daß die Chance, einen dritten Weltkrieg zu verhindern, denkbar gering sei. Dem aber fügte er sogleich hinzu: „Ich persönlich rebelliere gegen das Schicksal, das die Geschichte uns zugedacht zu haben scheint, und ich nehme an, einige von Ihnen lehnen sich ebenfalls dagegen auf. Die Frage ist nun: Was können wir tun?“

Die Antwort, die Leo Szilard gab, ist in den Beziehungen zwischen Wissenschaft und Politik ein Novum, obwohl er sich im Grunde einer der ältesten politischen Methoden bedienen möchte. Während die Forscher – auch Szilard selbst – sich bisher auf Warnungen, Appelle und die Beeinflussung führender Politiker in Form von Studien und Memoranden beschränkten, will der temperamentvolle Physiker nun mit ähnlich massiven und „realen“ Waffen in den Kampf gegen die Atomgefahr eingreifen, wie andere politische Gruppen: mit Geld! Er traut es sich nämlich zu, daß seine „Lobby“, die sich „Council for a Livable World“ nennt, jährlich einen Kampf-Fonds von ungefähr zwanzig Millionen Dollar sammeln könnte. Mit diesem Geld würde man Kongreßkandidaten unterstützen können, die bereit wären, in der amerikanischen Volksvertretung für „eine Welt, in der sich leben läßt“, einzutreten. Diese großen Summen hofft Dr. Szilard auftreiben zu können, wenn nur 150 000 Amerikaner bereit wären, jährlich zwei Prozent ihres Vermögens als eine Art „Versicherung gegen den Untergang“ aufzubringen. Bisher haben ihm etwa fünftausend amerikanische Bürger zugesagt, dieses finanzielle Opfer zu bringen, aber die starke publizistische Beachtung, die der Vorschlag in den USA fand, dürfte diese Zahl noch anschwellen lassen.

Ein ähnliches direktes Eingreifen in die Politik hat ein anderer amerikanischer Atomphysiker, der Nobelpreisträger Professor Isidor Rabi – übrigens einer der geistigen Väter des Europäischen Kernforschungszentrums in Genf (CERN) – im letzten März bei einer Veranstaltung des Massachusetts Institute of Technology vorgeschlagen. Er meinte, die Physiker sollten nicht mehr nur „durch die Hintertür“ nach Washington kommen, sondern sich, wenn sie politische Verantwortung fühlten, vom Volke in die demokratischen Körperschaften wählen lassen.

Es ist ja auch wirklich ein merkwürdiger Zustand – auf den eigentlich Szilard und Rabi jetzt erst aufmerksam gemacht haben –, daß die Naturforscher, obwohl sie doch heute durch ihre Arbeiten einen so entscheidenden Einfluß auf die menschliche Gesellschaff ausüben, sich – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – bisher kaum in Parlamente haben wählen lassen, sondern, wenn sie überhaupt den Elfenbeinturm verließen, sich nur publizistisch oder eben als „graue Eminenzen“ um Einfluß auf das politische Geschehen bemühten.

Werden wir nun neben Anwälten, Wirtschaftlern und Funktionären in Zukunft vielleicht mehr Wissenschaftler in den Volksvertretungen finden? Eine solche Entwicklung würde für die Gelehrten, die sich dazu entschlössen, allerdings bedeuten, daß sie aus der aktiven Forschung zeitweilig, wenn nicht sogar für immer, ausscheiden müßten; denn bei der schnellen Entwicklung auf allen Forschungsgebieten ist es für den „wissenschaftlichen Arbeiter“ nach einer längeren Pause schwer, je wieder wirklich Anschluß zu gewinnen. Solche persönlichen Opfer würden aber der Gemeinschaft größten Nutzen bringen. Denn wenn etwas vom „Stil der Wissenschaft“ sich den öffentlichen Körperschaften mitteilte, ihre Sachlichkeit und die Besessenheit des Forschers, sich nie mit dem Erreichten zufrieden zu geben, sondern immer neue Antworten auf immer neue Fragen zu suchen, so wäre das ein wertvoller Beitrag auf jenem Weg zu „größerer Reife“, die von der Menschheit im Zeitalter der übermenschlichen Machtmittel dringend verlangt wird.