Von Werner Ross

Was sehen die deutschen Touristen, die fleißigen, unermüdlichen, sich die Füße ablaufenden, von Rom? Sie beschauen und bestaunen die Trümmer der alten Millionenstadt, sie nahmen einiges von der neuen Millionenstadt auf, die sich in diesen Trümmern eingenistet hat, sie wissen nichts von den Außenbezirken, den Randstädten, Suburbi, die sich über die Hügel ziehen oder sich längs der alten Konsularstraßen angesiedelt haben. Montesacro der heilige Berg, auf den einst die erzürnten Plebejer zogen, ist heute eine Stadt von achtzigtausend Einwohnern; Monte Mario, wo Marius und nach ihm die deutschen Kaiser lagerten, ehe sie sich zum Marsch nach Rom rüsteten, ist ebenso dicht besiedelt, von den Arbeitervorstädten im Südosten, an der Tuscolane und Tiburtina, ganz zu schweigen. Wie, wenn jemand nach Hamburg käme, nach Berlin oder Hannover, eifrig von Ruine zu Ruine schweifte, aber alles Neugeplante, Neuentstandene achtlos beiseite ließe? Der Vergleich hinkt; er soll nur auf das Sonderbare unseres einseitig ästhetischen, einseitig antiquarischen Interesses aufmerksam machen, dann hat er seine Pflicht getan.

In den Suburbi, den marmornen mit Schwimmbad und Tennisplatz und den bürgerlichen mit Eisschrank und Waschmaschine und den Kasernenblocks an den Ausfallstraßen mit den Bienenwaben-Balkonen, sagen die Leute: „Wir wohnen in Rom“, wie andere sagen: „Wir wohnen in Chikago.“ Keine Aura, keine Atmosphäre, es sei denn die der Piazza, der Bar, des Kinos, der flanierenden Giovanotti und wimmelnden Kinder. Zwischen den Vorstädten, in dem ausgesparten Raum zwischen den Ausfallstraßen, im Abstellwinkel sozusagen, liegen die Borgate. Das Wörterbuch verdeutscht dies mit „Flecken“, und es hat so unrecht nicht, es sind häßliche Flecken auf dem bunten Sommerkleid Roms.

Da hört die Rom-Romantik auf, und es beginnt der Verismo, jener kräftige Stil, der Schmutz Schmutz und Räude Räude nennt und dessen italienischer Begründer, wenn mich nicht alles täuscht, Dante Alighieri ist.

Der jüngste seiner Entdecker, der Romancier, Lyriker, Drehbuchverfasser, Schauspieler und Abenteurer Pier Paolo Pasolini, ist dem deutschen Publikum kaum erst bekannt. Auch in Italien nennt man ihn nicht gern; er ist ein enfant terrible oder Schlimmeres, homoerotisch ohne Hehl und wegen eines Tankstellenüberfalls vor Gericht. Immerhin ist sein literarisches Verdienst nicht zu übersehen: In den beiden Romanen „Ragazzi di vita“ („Kerle“) und „Una vita violenta“ („Heftiges Leben“) hat er den römischen Slang literaturfähig gemacht, und mit der Sprache die Sprecher, mit den Redensarten die Verhaltensweisen ans Licht gezogen. Zu dieser Bestandsaufnahme war es freilich nötig, daß er sich in das Halbstarkenmilieu aufnehmen ließ, daß er einer der „bulli“ wurde, sich stärker identifizierend als die vorhergehende Generation, die Moravias und Hemingways. Man kann darüber streiten, ob „Una vita violenta“ ein guter, ein großer Roman sei; mir persönlich ist noch zuviel Stoff- und Wort-Wollust im Spiel, zuviel Vergnügen an Dreipünktchen-Wörtern (das rächt sich, indem ein Glossar mit italienischen Erklärungen angehängt werden muß), vielleicht auch ein bißchen zuviel Rührseligkeit im Tb-Tod des armen Helden Tommaso. Die Schwäche dieser Literatur des „einfachen Lebens“: daß sie – bei aller exakten Erfassung einer Menschenklasse – doch nur das an rudimentären Seelenregungen zeigen kann, was da vorhanden ist. Vielleicht zu wenig, nur ausreichend für eine pittoreske Lumpenszenerie.

Die prächtigste, die geplanteste der römischen Vorstädte, mit weiten Alleen, mit Parks und Weihern, Kuppeldom und Sportpalast ist die EUR, gesprochen Ä-ur. Das hieß einmal Esposizione Universale di Roma‚ war einer von Mussolinis Großmannsträumen und ist nun ein Wohnviertel der besseren bürgerlichen Stände. In der EUR spielt der neue Film des preisgekrönten Regisseurs der „Nacht“: Antonioni. Er heißt „Sonnenfinsternis“; wenn man will, kann man den Titel rein symbolisch nehmen, aber wer sich der letzten Sonnenfinsternis erinnert, versteht ihn besser: Ein merkwürdiges Zwielicht herrscht, eine Schattenwelt ohne Schatten und Licht, eine Angst und Angehaltenheit des Atems, die ohne zureichenden Grund sind.

Antonioni, ein sorgfältiger Ausmaler solcher Zeitgenossen-Zustände, hat diesmal die Börse gewählt, die römische natürlich, den Tanz um den goldenen Kurs, die wilden Zauberbeschwörungen der gereckten Finger, der aufgerissenen Münder, das wahnwitzige Geschrei, das plötzlich, bei der Durchgabe einer Lautsprecher-Meldung, einem rituellen Schweigen Platz macht. Der jugendliche Held, Alain Delon, ist ein fixer Börsenagent, der clevere junge Mann, der die Telephone bedient wie ein Staffettenläufer, mit Zigarette und Zündschlüssel als Symbolen.