Washington, im Mai

Geld stinkt manchmal doch – in diesem Fall nach Ammoniak-Anhydrit, einem Düngemittel. Der Mann, der im Mittelpunkt der Duftwolke steht, ist Hauptperson im ersten großen Korruptionsskandal der Kennedy-Regierung: Billie Sol Estes. Er ist ein „Junge aus Texas“. Pecos heißt das Städtchen, wo er als „der Welt größter Düngemittelhändler“ mit Frau und fünf Kindern lebt. Er liebt es, aus der Bibel zu zitieren, und die amerikanische Handelskammer nannte ihn vor neun Jahren einen der zehn hervorragendsten jungen Männer der Nation.

Die persönliche Seite des Falles verspricht ein spannender Kriminalroman zu werden; er ist noch nicht einmal zur Hälfte bekannt. Die politische Seite hat der Kennedy-Regierung bereits einigen Kredit gekostet; demokratische Politiker im Landwirtschaftsministerium und im Kongreß sind in Bestechungsvorwürfe verwickelt, die Republikaner scheinen entschlossen, im Sommer und Herbst aus dem demokratischen Kapitalisten Estes gar fleißig Kapital für ihren Wahlkampf zu schlagen. Am bedeutsamsten aber ist der wirtschaftspolitische Aspekt der Affäre: Die gefährliche und absurde Situation der amerikanischen Landwirtschaft kommt ans Licht.

Billie Sol Estes hatte vor allem drei Quellen seines zweifelhaften Reichtums. Einmal kaufte er Land und erzielte mit Hilfe seiner Düngemittel gute Baumwollernten. Deshalb wird der amerikanische Landwirt von der Regierung mit ansehnlichen Belohnungen dafür bedacht, daß er einen Teil seiner Anbaufläche brach liegen läßt. Billi kassierte diese Entschädigungen, bebaute aber trotzdem sein Land und verkaufte die gute Ernte obendrein zu einem ungesetzlich niedrigen Preis.

Wie groß das Land Texas ist – und wie weit von dort Väterchen Präsident in Washington – erweist die zweite große Geldquelle des findigen Estes. Er schwatzte seinen Nachbarn Kaufverträge über große Düngemitteltanks auf. Diese Tanks, die gar nicht existierten, dienten ihm als „Sicherheit“ gegenüber zwölf namhaften Geldinstituten, bei denen er bereits in der Kreide saß. Dieser Trick brachte ihm die Kleinigkeit von zweiundzwanzi; Millionen Dollar Anleihen ein.

Die dritte Quelle der dunklen Estes-Einkünfte waren die Silos. Die Vereinigten Staaten unterhalten riesige Nahrungsmittelvorräte aus ihrer landwirtschaftlichen Überproduktion. Dabei gehört es freilich zum guten Ton, daß Regierung und Staat möglichst wenig in Erscheinung treten. Die Vorräte werden infolgedessen lieber bei privaten Firmen als in staatseigenen Lagerhäusern untergebracht. Billie Sol Estes kaufte und baute daher große Getreidesilos und vermietete sie zu gepfefferten Preisen an die Regierung. Hierbei vor allem benötigte er die Guns: willfähriger Freunde in den zuständigen Ministerien. Inzwischen sind zwei höhere Beamte des US-Landwirtschaftsministeri- ums wegen undurchsichtiger Beziehungen zu dem texanischen Schwindler entlassen worden.

Estes hat inzwischen ausgesagt, daß er jährlich ein- bis zweihunderttausend Dollar für politische Schmiergelder aufwandte. Teils lud er Beamte des Landwirtschaftsministeriums in Washington ein, sich auf seine Kosten teure Anzüge und Wäsche zu kaufen; teils unterstrich er seine Wünsche mit Schecks über hundert, zweihundert oder sogar tausend Dollars; teils fütterte er die immer hungrige Parteikasse der Demokraten. Zu den peinlichsten Entdeckungen gehört, daß er schon die Wahlkampagne John F. Kennedys finanzieren half.