Von Marcel

Die in Ostberlin erscheinende Wochenzeitung „Sonntag“ tadelt in ihrer Nummer vom 22. April die „Berliner Welle“ (des DDR-Rundfunks), weil sie das Buch „Katz und Maus“ von Günter Graß offenbar nicht unfreundlich rezensiert hat:

„Man hörte nur etwas von der ‚Freude am phantasievollen Erzählen, am stilistischen Jonglieren und am sprachlichen Experiment‘, aber kein klares Urteil. Graß aber hat geurteilt, nach dem 13. August nämlich. Hat sich das bis zur Berliner Welle noch nicht ’rumgesprochen?“

Da also dem Graß die Mauer mißfällt, darf ihm „Freude am phantasievollen Erzählen“ in einem Buch, dessen Handlung während des Zweiten Weltkriegs spielt und das keinerlei antikommunistische Akzente enthält, nicht mehr bescheinigt, werden. Der ungetarnte Zynismus, mit dem gefordert wird, die Beurteilung eines im Westen erschienenen literarischen Werks von den Äußerungen des Autors über die DDR abhängig zu machen, mag für manche Leser in der Bundesrepublik bemerkenswert sein, ist es hingegen nicht für die Leser von drüben. Denn im Grunde hat der „Sonntag“ nur an die traditionellen Spielregeln des dortigen literarischen Lebens erinnert, die ausnahmsweise von einem wohl unerfahrenen Rundfunkredakteur nicht genug beachtet wurden.

Inzwischen hat es sich aber erwiesen, daß mit dieser kleinen Notiz zugleich eine Aktion der DDR-Literaturzeitschriften gegen diejenigen westdeutschen Schriftsteller eingeleitet wurde, die – laut Sonntag“ – „in den letzten Jahren zu Recht als Oppositionelle“ galten, jedoch in jüngster Zeit „den Gegenstand ihrer Kritik... mehr und mehr aus den Augen verloren haben“.

Die gänzlich unbekannten Verfasser der einzelnen Artikel – es fällt auf, daß sich wie bisher kein namhafter Kritiker an dieser Aktion beteiligt – stehen mit den Tatsachen leider nicht auf gutem Fuß. Den Lesern in der DDR, denen natürlich die Quellen nicht zugänglich sind, werden falsche Informationen – und auch Unterstellungen – in Hülle und Fülle geboten.

Mit Uwe Johnson befaßt sich ein Aufsatz im „Sonntag“ vom 13. Mai. Die beiden Verfasser (sie heißen Arno Hochmuth und Horst Kessler) behaupten, Johnson habe – damals in der DDR wohnhaft – das Manuskript seines Romans „Mutmaßungen über Jakob“ dem Ostberliner Aufbau-Verlag angeboten: