AACHEN (Stadttheater): Wedekinds „König Nicolo“ als Oper

Der Hochschulprofessor und Leiter des Berliner Philharmonischen Chores Hans Chemin-Petit hat – auf anderem Wege als Alban Berg mit seiner „Lulu“-Vertonung – „erreicht, daß Wedekind wieder eine Aktualität des lebendigen Theaters geworden ist.“ Werner Oehlmann widmete im Berliner Tagesspiegel der in Aachen uraufgeführten Oper eine eingehende Analyse. Ihr ist zu entnehmen: „Die Musik Chemin-Petits nähert sich dem Stoff von der Seite des Illustrativen. Im zweiten Teil der Oper wächst die Musik vollends über das Illustrative hinaus... Die Tonsprache des Komponisten ... bleibt der tonalen Tradition verbunden, aber sie gewinnt ihr das mögliche an harmonischer Freiheit, an vieldeutigen Klangschichtungen und harten, schneidenden Stimmführungen ab. Die Singstimmen dominieren ... Die starke Beteiligung des Chores gibt der Partitur stellenweise kantatenhafte Züge... Der Komponist hat mit seinem Werk für die Lebensfähigkeit der tonalen Musik ein nicht zu überhörendes Zeugnis abgelegt.“ Unter der musikalischen Leitung des neuen Aachener Generalmusikdirektors Wolfgang Trommer in der Gastregie von Karl Pempelfort (Bonn), ausgestattet von Erich Döhler, wurde die Uraufführung zu einem „starken Erfolg für die Darsteller und den anwesenden Komponisten.“

RECKLINGHAUSEN (Ruhrfestspiele):

„Romeo und Julia“ von Shakespeare

Im Mittelpunkt der diesjährigen Ruhrfestspiele steht diese Shakespeare-Tragödie als Eigeninszenierung, für die der Regisseur Karl Heinz Stroux vorwiegend Mitglieder seines Düsseldorfer Schauspielhauses einsetzte. „Ob die Wahl des Festspiels unbedingt glücklich gewesen sei ... diese Bedenken haben sich nach der Premiere verdichtet“ heißt es in der Kritik der FAZ. Und in der Stuttgarter Zeitung: „,Romeo und Julia’, wie es in Recklinghausen zu sehen war, zeigte, daß dem gegenwärtigen Theater kein anderes Gefühl fremder und verschlossener ist als die Liebe, die sich in diesem Drama scheinbar hemmungslos aussingt.“ „Unvorstellbar“, schreibt die Süddeutsche Zeitung, „daß die jugendlichen Festspielbesucher sich von Evelyn Baiser und Karl-Heinz Martell betroffen fühlen... Stroux lenkte den Blick auf das richtungslose Treiben der heutigen Jugend. Aber ins Herz traf er sie nicht.“ „Um die Einmaligkeit des Gefühls zu bewältigen, nötigte Stroux die Liebenden in einen fortgesetzten Exzeß der Exaltiertheit.“ Obwohl also die eigentliche Tragödie ausgefallen sei, bezeichnet der Kritiker der Stuttgarter Zeitung als die gelungene Seite der Aufführung „die Wirklichkeit von Verona. Der Haß, der die Folie und den Grund für die Liebe abgibt, wurde in zwingenden Bildern verdeutlicht... Die Straßenszene geschäftiger Handwerker war poetisch gesteigerte Wirklichkeit.“ Für die virtuose Ausführung von Kampfszenen „adliger Halbstarkenbanden“ hatte sich Stroux vom Old Vic in London den Fechtlehrer William Hobbs geholt, für die Einstudierung der Pantomimen Jean Soubeyran. Jac

MÜNCHEN (Theater am Gärtnerplatz):

„Die schöne Helena“ von Jacques Offenbach

Von dieser Inszenierung des Intendanten Arno Assmann in der Ausstattung von Max Bignens hatte man sich viel versprochen; denn wenn irgendwo Bewegung, Witz, Einfallsfülle, Turbulenz – Assmanns Stärken – angebracht sind, dann bei Offenbach. Indessen – lag es daran, daß gerade an der „Schönen Helena“ sich die größten Theaterzauberer erprobt und unvergeßliche Präzedenzfälle geschaffen haben (ich denke mit Entzücken an die Reinhardt-Inszenierung im Berliner Kurfürstendammtheater mit Jarmila Novotna in der Titelrolle und Hans Moser als Menelaus) – es wollte hier das erwartete Vergnügen nicht so recht um sich greifen. Ganz gewiß fehlte es nicht an Unterhaltsamkeit; nein, daß hier „etwas los war“, läßt sich wahrhaftig nicht bestreiten. Allein Offenbachiaden sind denn doch keine vulgären Amüsements, selbst die Pariser des Zweiten Kaiserreichs waren schließlich nicht nur Parvenüs, und sofern die Operette gerade dieses Parvenu-Kaiserreich parodierte, tat sie es aus der Angriffsstellung gerade überlegener Kulturbegriffe. Alle Satire hat hier – von den Autoren aus – immer noch Charme. Man braucht nur die Musik zu befragen, die übrigens im Gärtnertheater in Kurt Eichhorn einen superben Interpreten hatte. Aber Assmann, der für seine Bearbeitung allerlei musikalische Anleihen und szenische Improvisationen bemüht hatte, beging seinen alten Fehler: Er gab ständig zu viel, kannte kein Maß, keine Grenze, konnte sich gar keinen Gag versagen. Und so wurde es leider wieder einmal eine Mordsgaudi „für die Galerie“ (wie man’s früher genannt hätte). Die Würze der Sache wirkte am ehesten noch in ein paar „stilleren“ Szenen wie der großen Liebesszene und der Heimkehr des Menelaus. – Gesungen wurde überwiegend schön und gepflegt von Heidi Klug (Helena), Willi Brokmeier (Paris), Adolf Mayer-Bremen (Kalchas). Otto Storr als Menelaus mit bayerischem Idiom war eine ethnopsychologische Unwahrscheinlichkeit; da hätte er noch besser sächseln sollen. – Es war ein lauter Erfolg, a-th