Das Düsseldorfer Schauspielhaus hat bald die erste Saison seines zweiten Jahrzehnts hinter sich. Als es des zehnjährigen Bestehens zu gedenken galt, gab das Hamburger Deutsche Schauspielhaus ein Ensemblegastspiel in Düsseldorf mit Hebbels Tragödie „Gyges und sein Ring“. Gustaf Gründgens betrat in seiner eigenen Inszenierung als König Kandaules erstmals wieder jene Bühne, die er nach harten Kämpfen um die künstlerisch sinnvollste Betriebsform eines öffentlich subventionierten Theater; im Jahre 1951 neugegründet und als deren Intendant (genauer: als Geschäftsführer einer GmbH) bis 1955 geleitet hatte. Gründgens’ Nachfolger, Karl Heinz Stroux, dehnte die Reichweite des Düsseldorfer Schauspielhauses aus; regelmäßig gibt er Gastvorstellungen in anderen Städten Nordrhein-Westfalens, zuweilen auch in entlegeneren deutschen Großstädten und im Auslande. Das weiteste Reiseziel war New York. Vom 5. bis 18. März dieses Jahres zeigte man dort Lessings „Nathan“ und „Vor Sonnenuntergang“ von Gerhart Hauptmann. Die manchmal irritierende Resonanz in der amerikanischen Presse veranlaßte unseren Theaterkritiker Johannes Jacobi, sich mit Generalintendant Stroux zu unterhalten.

JOHANNES JACOBI: Warum, Herr Stroux, spielen Sie so gern vor fremdsprachigem Publikum? Zuschauer, die kein Deutsch verstehen, tun so, als hätten sie verstanden. Das nennt man dann einen „Erfolg“ im Ausland.

KARL HEINZ STROUX: Jeder kulturelle Austausch basiert auf dem gegenseitigen Willen, sich mit einer fremden Mentalität auseinanderzusetzen. Nur so können sich Menschen kennenlernen. Im übrigen ist New York eine der größten „deutschen“ Städte. Ich meine hinsichtlich des Sprach Verständnisses.

J. J.: Deutsche Korrespondenten haben berichtet, daß die eigentliche amerikanische Öffentlichkeit recht wenig Notiz von den Düsseldorfer Gastvorstellungen genommen habe.

STROUX: Wir hatten unter einem technischen Handikap zu leiden. Bei Gründgens’ New Yorker „Faust“-Gastspielen mit dem Hamburger Ensemble war im Theater eine Simultananlage in Betrieb: Zuschauer, die kein Deutsch verstanden, konnten sich mittels Kopfhörer englisch über den Stückinhalt orientieren. Auch das Pariser „Theater der Nationen“ macht auf diese Weise fremdsprachige Aufführungen verständlicher. Wir mußten in New York leider ohne Simultananlage spielen.

Was die sachverständige Kritik betrifft, so haben sich zwei der großen Zeitungen, die New York Times und die New York Herald Tribüne, in persönlichen Briefen entschuldigt, daß sie keine deutschsprachigen Kritiker zu den Düsseldorfer Gastspielen entsenden konnten. Wir kannten die Struktur der New Yorker Redaktionen vorher nicht. Sie beschäftigen nur angestellte Kritiker, aber sie würden ihren staff um einen deutschsprachigen Kritiker ergänzen, wenn die Gastspiele aus Deutschland fortgesetzt und die amerikanischen Zeitungen rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht würden. Der bekannte Kritiker Taubmann hat in allen New Yorker Bibliotheken, bei denen er anfragte, keine englische Übersetzung von Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“ auftreiben können.

Dennoch war in unseren Aufführungen nicht nur „deutsches“ Publikum. Für alles Deutsche war bei den Amerikanern ein solches Interesse zu beobachten, daß es geradezu unverständlich wäre, wenn diese Gastspiele nicht fortgesetzt würden.