Bücher, die man liebt, soll man loben, so verlangt es der Kritikerbrauch; und vor lauter sprühender, rühmender Rezension kann es dem Leser passieren, daß er nicht mehr das gelobte Buch sieht, sondern nur den Kritiker, der sich in verständlicher Emphase vor das Werk gestellt hat. Ich will von diesem Buch, das ich gern habe –

Marie Luise Kaschnitz: „Dein Schweigen – meine Stimme“, Gedichte 1958–1961; Claassen Verlag, Hamburg; 116 S., 10,80 DM

– versuchen, leise und inständig zu sprechen. Darin führt eine Frau, nachdem ihr Mann gestorben ist, über die Grenze hinweg den Dialog weiter. Sie widerlegt das Geschwätz, die monomane zeitgenössische Lyrik habe jegliches Du verloren. Ihre Gedichte machen den Weg deutlich, den sie von der Sprachlosigkeit der ersten Stunden bis zu dem Lobgesang der erkennenden und vergegenwärtigenden Erinnerung geht:

Was willst du, du lebst.

Dazwischen hören wir die Strophen der Verzweiflung; an die verschlossene Erde wird gepocht, damit das geliebte Bild wieder lebendig werde; Selbstanklagen werden erhoben; und dann wieder erkennen die aufgerissenen Augen eine veränderte und verändernde Wirklichkeit, die klärend und härtend in das Gedicht bricht:

Dein Schweigen

Meine Stimme