Jetzt wird es ernst! Die Postgewerkschaft brütet über Kampfmaßnahmen. Wer gewohnt war, im gelben Briefkasten eine Arche der Zuverlässigkeit zu sehen, wer den Briefträger für eine Art Friedenstaube in menschlicher Gestalt hielt, bemerkt erschreckt, daß die trauten Vorstellungen wanken.

Am 5. und 6. Juni werden die „Organisierten“ der Deutschen Bundespost abstimmen, ob es nicht ratsamer wäre, sich zeitweilig zur Ruhe zu setzen, falls es nicht gelingt, eine neunprozentige Lohn- und Gehaltserhöhung durchzudrücken. 85 000 Arbeiter und 19 000 Angestellte werden zur Urne gehen. Dies ist die kämpferische Vorhut. Im Hintergrund harrt, grimmig und treu, die Legion der Beamten. Denn da Beamte in der Bundesrepublik nicht streiken dürfen, wird diesen nur die Frage gestellt, ob sie willens sind, die gewerkschaftliche Forderung „auf Verbesserung der Beamtengehälter im Rahmen des rechtlich Möglichen“ mit Nachdruck zu unterstützen.

Die Exposition des Dramas ist vorgezeichnet. Es fehlt nicht einmal an der würzigen Prise, die den dramatischen Konflikt tragisch überhöht. Denn der Bundespostminister stellt bekümmert fest, ein Kabinettsbeschluß untersage ihm „materielle Tarifverhandlungen“.

Wäre ich Briefträger – wer weiß, ob ich nicht auch auf die Barrikaden stiege. Andererseits maße ich mir nicht an, das Problem aus dem Blickwinkel eines Bundesministers zu betrachten. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die fatale Situation aus der Froschperspektive eines simplen Postempfängers zu beäugen. „Beruhige dich“, sage ich mir, „es kommt noch schlimmer!“ Denn zum besten steht es auch jetzt nicht mit der Postzustellung. Früher nämlich wurde in unserer Stadt – einer Großstadt – zweimal am Tage die Post ausgetragen. Heute dürfen wir, in der Innenstadt, durch einen Ausweis ermächtigt, morgens unsere Briefe selbst auf dem Postamt in Empfang nehmen. Sonst müßten wir bis zum späten Vormittag, warten. Und die mittägliche Postzustellung – Dienstag bis Freitag – ist auch nicht mehr so sicher wie das Amen in der Kirche!

Aber, waren es wirklich so glückliche Zeiten, als uns die Briefe pünktlich mit dem Frühstück serviert wurden? Manch einer, der heute der Post in die Schuhe schiebt, daß er unter Kontaktarmut leidet, hat vormals dieselbe Post bezichtigt: Sie vergälle ihm das Frühstück durch ihre Aufdringlichkeit. Wem schmeckt noch sein Marmeladenbrötchen, wenn ihm die Mahnung für eine unbezahlte Rechnung unter den Teller geschoben wird? Oder ist es etwa der Nahrungsaufnahme förderlich, wenn uns eine verführerische Reklame – „an alle Haushaltungen“ – von den bescheidenen Lebensfreuden ablenkt? Ganz, zu schweigen davon, daß der jäh durch eine Postkarte angekündigte Besuch von Tante Sophie uns vergessen läßt, auf die Eieruhr zu achten.

Es wäre zu wenig, wollte man nur die Unbilden erwähnen, die uns durch die neue Lage erspart bleiben. Es darf nicht verschwiegen werden, daß sie uns auch Freuden eigener Art beschert. Notzeiten lehren uns den Wert dessen zu schätzen, was wir früher mit nachlässiger Selbstverständlichkeit hingenommen haben. Wenn der Briefträger so pünktlich erscheint, daß man die Uhr nach ihm stellen kann, wird er nur als ein „Funktionär“ geachtet, der seine Amtspflichten zu erledigen hat. Heutzutage aber begrüßen die durch Erwartung geschärften Sinne ihn so freudig wie das Christkind! Erst jetzt weiß man, was der Briefträger für ein treuer Freund ist.

Und dann die Hoffnung! – Wer nämlich argwöhnen wollte, daß die Post vielleicht in ihrer technischen Planung hinter dem Mond zurückgeblieben sei, wird im Fernsehen und in der Zeitung eines Besseren belehrt. Denn dort erfährt man von den raffiniertesten Geräten der Automation, von geisterhaft gesteuerten Sortiermaschinen, von Satelliten, die der Fernübertragung kühne Möglichkeiten eröffnen.

Gedulden wir uns. Der Tag wird kommen, da unsere Gedanken schneller übermittelt werden, als wir sie denken können. (In der Zwischenzeit wäre es vielleicht gut, sich mit Brieftauben zu behelfen.)