Von Inge Jens

Im Sommer des Jahres 1776 reisten ein junger Mann und eine junge Frau von Berlin nach Wien. Dienerschaft, Gepäck, Kleidung und Manieren ließen auf Leute von Stand schließen. Erst das Verhalten einiger Zöllner, kurz vor Dresden, die – nach genauer Durchsicht der Papiere – den Reisenden jenen Zoll abverlangten, der normalerweise nur für den Durchzug von Ochsen und Schweinen erhoben wurde, machte darauf aufmerksam, daß das Paar offensichtlich doch mit einem, wenn auch unsichtbaren Makel behaftet war. Die geringe Maut von 20 Groschen wies es als Angehörige eines Standes aus, der sowohl vom Adel als auch vom Bürgertum durch Welten getrennt war: als Juden.

Nathan Arnsteiner, Bankier und erster Sohn des kaiserlichen Hoffaktors zu Wien, des tolerierten Juden Adam Isaak Arnsteiner und seiner Frau Sibilla Gomperz, war in Berlin mit Franziska, Tochter des generalprivilegierten königlichpreußischen Münziuden Daniel Itzig und der Mariane, geb. Wulff, jüdischem Ritus entsprechend getraut worden und befand sich auf dem Wege nach Wien, um seine Braut ins Elternhaus zu führen.

Dieser jungen Preußin, der es bestimmt war, sich innerhalb weniger Jahre eine für Juden bis dahin unvorstellbare gesellschaftliche Stellung zu erobern, gilt die in diesen Wochen erschienene Monographie von

Hilde Spiel: „Fanny Arnstein oder die Emanzipation“ – Ein Frauenleben an der Zeitenwende 1758–1818; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 520 S., 16 Bildt., 28,– DM.

Auf Grund detaillierter Kenntnis eines umfangreichen, zum Teil noch unveröffentlichten literarischen und historischen Materials versucht Hilde Spiel das Leben der Franziska Itzig nachzuzeichnen, aus der in Wien – etwas weniger preußisch steif – jene Fanny Arnstein wurde, in deren Salon am Graben und am Hohen Markt der österreichische Adel mit den Persönlichkeiten der Berliner Aufklärung und der deutschen Romantik zusammentraf, in deren Räumen Mozart die „Entführung“ komponierte und Konzerte gab und in deren Haus Madame de Staël genauso selbstverständlich abstieg wie der junge Schopenhauer, als er, in Begleitung seiner Eltern, Wien besuchte; jener Salon, wo man den jungen Theodor Körner zu seinen patriotischen Liedern begeisterte, den Aufstand eines Andreas Hofer finanzierte und in dem die preußische Delegation des Wiener Kongresses ihre „privaten“ Begegnungen mit den Gesandten der anderen Staaten und des hohen Klerus zu arrangieren pflegte.

Im Spiegel dieses jüdischen Salons fixiert die Autorin die Züge eines Zeitalters, das von der Proklamation der absoluten menschlichen Würde bis zur neuen Klassifizierung des Individuums als Bürger eines nationalen Staates reicht; das Porträt jener Epoche, die nicht zuletzt durch die Emanzipierung der Juden in der Nachfolge Moses Mendelsohns geprägt wurde und an deren Ende, 1819, das „Juda verrecke!“ der Würzburger Studenten und jene Hepp-Hepp-Rufe einer national verblendeten „Intelligenz“ stehen, die seither nicht mehr verstummt sind.