Selbstsicherheit und Zukunftslyrik auf dem Parteitag der Sozialdemokraten

Köln, Ende Mai

Der erste Programmpunkt auf dem Parteitag der Sozialdemokraten war Wolfgang Amadeus Mozart. In der Kölner Messehalle, die in freundlichen Pastellfarben drapiert war – zartgrau die Wand hinter der Vorstandstribüne, zartrosa die Phloxblüten davor – musizierte das Kölner Kammerorchester. Versöhnlich heiter erklang die A-Dur-Symphonie, Köchelverzeichnis 201. Die Delegierten saßen mäuschenstill. Ein besseres Konzertpublikum hätten sich die Musiker kaum wünschen können. Lang, lang ist’s her, daß bei einem Bundestreffen der SPD Atomkantaten aufgeführt wurden.

Erich Ollenhauer, der auf dem letzten Parteitag in Hannover bedingungslos die Atombewaffnung der Bundeswehr abgelehnt und damit einen solchen Sturm der Meinungen und Gefühle entfesselt hatte, daß seine Vorstandskollegen Erler, Brandt und Wehner nur mit Mühe die Erregung wieder beschwichtigen konnten – er erwähnte diesmal die Atombewaffnung in seiner Eröffnungsrede mit keinem Wort. Als Willy Brandt danach aufstand und dem Parteivorsitzenden demonstrativ die Hand reichte, da war es allen im Saale klar: Dieser Parteitag würde keine Wiederholung der dramatischen Redeschlachten von Hannover bringen. Er lief so ab, wie er geplant war. So sicher war sich der Vorstand der SPD und so wenig Spannungen gab es in der Parteiführung über den neuen Kurs der Partei, daß die Reden vorher nicht einmal durchgesprochen werden mußten.

Freilich bedeutet diese Einigkeit in der Parteispitze nicht, daß kein Widerspruch laut geworden wäre. Schließlich lag ja eine stattliche Zahl von Anträgen vor, in denen zum Beispiel gefordert wurde, die Partei dürfe keine Notstandsgesetzgebung zustimmen, sie müsse weiter strikt und kategorisch jede Atombewaffnung ablehnen. Und immer wieder tauchte das eine Wort auf: Alternative. Diese Anträge vermitteln indes ein falsches Bild. Die 650 000 Mitglieder der SPD sind in rund 7600 Ortsvereinen und Unterbezirken organisiert; alle haben das Antragsrecht. Und gerade in jenen Ortsvereinen, in denen das Unbehagen an der Politik der Gemeinsamkeit am lebendigsten ist, scheint auch die Diskutierlust und die Antragstellern am besten zu florieren. Herbert Wehner, der auf der Pressekonferenz diese Anträge durchging, meinte trocken: „Das werden wir wohl nicht wollen.“

Brandt, Erler, Schmidt...

Daß die Genossen das auch ganz sicher nicht wollten, dafür hatte der Parteivorstand gesorgt. Im Arbeitskreis, in dem die strittigen Themen behandelt wurden, war die Phalanx der redegewaltigen Verfechter der Parteilinie aufmarschiert: Brandt, Erler, Carlo Schmid. Der Aufmarsch wäre indes kaum mehr notwendig gewesen. Denn da wurde eine Rebellion niedergewalzt, die schon vorgestern stattgefunden hatte, von der nicht vielmehr übriggeblieben war als eben ein Gefühl des Unbehagens.