Angeklagt und verurteilt wurde in Wahrheit Charles de Gaulle

Von Josef Müller-Marein

Als die Generäle Challe und Zeller vor dem Hohen Militärgericht im Pariser Justizpalast standen, hat es sich um den Prozeß der Armee gehandelt, deren kleinerer Teil aufständisch geworden war. Im Prozeß Jouhaud ging es dann um den Gerichtstag gegen die OAS. Es hat sich schließlich herausgestellt, daß die Verhandlung gegen Salan nichts anderes als der Prozeß gegen die V. Republik (und damit gegen de Gaulle) war. Und das Urteil, das nicht die Todesstrafe für den OAS-Chef festsetzte, sondern lebenslängliche Gefangenschaft, hat praktisch die vorangegangenen Verdikte gegen die anderen drei Rebellen-Generale negiert: Darum hatte Salan ein Siegerlächeln auf seinem eiskalten Gesicht, und deshalb umarmten seine Advokaten einander; und aus diesem Grunde stimmte das den Rechtsradikalen zugeneigte Publikum lauthals die Marseillaise an, die Augen tränenfeucht. Und da arabeskenhaft auch die Komik jedesmal auftritt, wo die leidenschaftlichen Gefühle pathetisch überschäumen, geschah es, daß die Ehrenwache der Polizisten das Gewehr präsentierte – automatisch beim Klang der Marseillaise.

So hatte die Göttin Justitia – zu Tode beleidigt durch dieses Urteil – doch vielleicht Gelegenheit, zu kichern hinter dem Schleier, der traditionsgemäß ihre Augen verhüllt...

Reich des Rechts?

Zunächst eine kleine Feststellung, die für den fremden Zuschauer des Prozesses recht enttäuschend war: Menschen, die selber beredt sind (die Mitglieder des Militärgerichts), fallen auf die Beredtsamkeit der Verteidiger herein (gleichgültig, was sie sagen). Wäre es anders, so hätte der Maître Tixier-Vignancourt Salans Kopf nicht retten können. (Nehmt teure Rechtsanwälte, Freunde, wenn es um Kopf und Kragen geht: Rechtsanwälte, die alles eloquent zu vertreten wissen, und sei es das schlimmste Verbrechen!)

Zu diesen kleinen Beobachtungen gehört aber auch, daß im Prozeß Salan ein einziger Richter gewechselt hatte: Es war Fliegergeneral Gelée, der als Mitglied des Hohen Gerichtes über Jouhaud nicht hatte richten wollen, weil er dessen Kamerad und Freund gewesen war. Er hatte sich also im Jouhaud-Prozeß vertreten lassen. Im Salan-Prozeß war er jedoch zugegen.