Viele Besucher in Cannes hatten getippt: Michelangelo Antonioni wird für „L’eclisse“ (Die Sonnenfinsternis) die Goldene Palme bekommen. Und im Palais du Festival war der große Saal, der in den letzten Tagen zuweilen spärlich besetzt gewesen war, plötzlich wieder brechend voll, als Antonioni, der „Magier der erfüllten Leere“, zu Worte kam. Als aber auf dem abschließenden Gala-Abend „L’eclisse“ mit dem Sonderpreis der Jury (neben Bressons Film „Le Procés de Jeanne d’Arc“) ausgezeichnet wurde, ging selbst diese geringere Ehrung zahlreichen Gästen wider den Strich. Sie waren so respektlos, daß sie den (nicht anwesenden) Antonioni auspfiffen, unbekümmert um die Feierlichkeit und die 36 Fahnen, die, auf der Bühne aufgepflanzt, die teilnehmenden Nationen symbolisierten.

An den Entscheidungen der Jury haben die Kritiker, nicht nur die französischen, schon am nächsten Tag herumgezaust. Ich meine: zu Unrecht. Konstruktive Gegenvorschläge allgemeiner Art sind, soviel ich sehe, nicht gemacht worden, nur Versuche, hier und da einzelne Modifizierungen oder Korrekturen anzubringen. Das ist zuwenig. Kritik gehört zwar zu den Privilegien des von uns erstrebten demokratischen Lebens. Aber man sollte sie nicht mißverstehen und nicht mißbrauchen: Kritik findet nicht dann schon statt, wenn eine subjektive Auffassung temperamentvoll gegen die andere subjektive Meinung gesetzt wird.

In Cannes – wie anderswo auch – ist das Kunstfest zuweilen mit einem Pferderennen verwechselt worden. Es kommt nicht unbedingt darauf an, ob ein Film einen anderen mit einer halben Nasenlänge „schlägt“. Kunstwerke besitzen keine Nasenlängen und schlagen nicht.

In den Kritiken gegen die Urteile von Cannes wiederholt sich freilich auffällig eine Rüge: Die „Elektra“ des griechischen Regisseurs Michael Cacoyannis hätte höher eingestuft werden müssen, manche Kritiker meinen sogar, sie hätte die höchste Auszeichnung bekommen sollen.

„Elektra“ hat den Preis für die „beste kinematographische Transposition“ bekommen – was wohl zum mindesten nicht schlecht begründet ist. Eine Transposition ist gewissermaßen auch Bressons „Prozeß“ und der amerikanische Film „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ nach dem Stück von O’Neill. Beides ist, wenn auch in verschiedenem Sinne und Grade, das, was man „verfilmtes“ Theater nennt. Bresson geht auch auf neuerdings gefundene historische Chroniken zurück. Sein „Prozeß“ lebt vom Wort, von der schauspielerischen Leistung – vor allem der herrlichen Florence Carrez. Dieser „Prozeß“ ist Unzucht wider den Geist des Films. Aber wie laut will man schon die Verstöße gegen die Regeln, gegen wohlbegründete Kunsttheorien hinausposaunen, wenn dennoch Erlebnis, Erschütterung und Katharsis stattfinden?

Schon bedenklicher ist es bei O’Neill. Der Regisseur Lumet ist im Gestrüpp der Theaterverfilmung hängengeblieben: Bis zur Selbstverstümmelung respektiert er zum Beispiel die engen Raumvorschriften des Dramatikers. Die Jury hat daher auch nur die vier in diesem Film agierenden Hauptdarsteller ausgezeichnet: Katherine Hepburn, Ralph Richardson, Jason Robards jr. und Dean Stockwell. Man hat auch einem Darsteller-Zweigespann einen Preis verliehen: Rita Tushingham und Murray Melvin in dem in der „Flüsterpropaganda“ besonders viel gerühmten englischen Film „A Taste Honey“.

Vor „Elektra“ muß man freilich achtungsvoll haltmachen, Atem holen. Das ist weit mehr geworden als nur „verfilmtes Theater“, obwohl der Regisseur den Text des Euripides benutzt hat. Er hat ihn benutzt, aber er hat sich von ihm nicht terrorisieren lassen. Auch hier dominieren schauspielerische Leistungen – vor allem die Elektra der Irene Papas, eine Gestalt aus flammender Schwärze: Die Tragödie lebt, und noch nie ist mir aufgefallen, wie sehr Euripides, ein Autor des fünften Jahrhunderts, Testamentvollstrecker der archaischen Zeit und Größe war. Oder bin ich nur der Suggestion seines Interpreten erlegen?