Von Theo Löbsack

Nun kauf dem Kind doch endlich die Bonbons, dann haben wir unsere Ruhe!“

Die Mutter kauft also; sie hat genug um die Ohren im Haushalt, ihr Mann erlebt soviel Ärger im Beruf, da möchte man wenigstens den Sonntagsspaziergang harmonisch beenden ...

Dieses gedankenlose Gewähren von Wünschen wird meistens noch übertroffen von dem eigenartigen Bemühen vieler Eltern, ihre Kinder in Watte zu packen. Wenn es im Kindergarten eine Keilerei und ein blaues Auge gegeben hat, wird das Kind lieber herausgenommen, als daß man ihm neuen Ärger zumutet, und wenn es in der Schule nicht recht weiterkommt, dann versucht man es eben mit einer anderen. Daß dem guten Kind ja keine Unbill widerfahre!

Nun ist „das Leben“ jedoch nicht immer so süß wie ein Lutscher, und deshalb sind wir, wie der Freiburger Psychologe H. Enke jüngst auf der Lindauer Psychotherapiewoche sagte, jedem Kind ein gewisses Maß an Versagung schuldig, um es durch allzu viele Wohltaten, nicht weich und hilflos ins Leben zu entlassen. Wenn die Eltern um des lieben Friedens oder der Bequemlichkeit willen jeden Konflikt zu vermeiden trachten, wird ihr Kind nicht lernen, selbständig zu handeln und mit seinen Problemen und denen seiner Umwelt fertig zu werden. Der seelischen Situation ähnelt die körperliche jenes streng steril gehaltenen Muttersöhnchens, das nie im Straßengraben spielen durfte und möglichst vor jeder Ansteckungsgefahr bewahrt bleiben sollte. Auch dieses Kind konnte keine Abwehrkräfte bilden, und als es dann einem massiven Angriff ausgesetzt wurde, erlag es ihm viel eher als andere. Professor Schultz, Altmeister der deutschen Psychotherapeuten, formulierte noch eindringlicher. In Lindau rief er aus: „Das größte Unrecht an einem jungen Menschen ist seine Verwöhnung!“

Das „frustrierende Element“ in der Erziehung sind wir unseren Kindern von ihrer Geburt an schuldig, und wir nutzen seinen erzieherischen Wert oft unbewußt. Wenn das Kind der Mutterbrust entwöhnt und nun an die Flasche gewöhnt werden soll, muß ihm die Mutter die Brust „versagen“. Das Abstillen wird zu einem Reiz, der im Verein mit dem Durst das Kind anspornt, sich mit dem Ungewohnten, der Flasche, vertraut zu machen. Der österreichische Psychologe R. Spitz behauptet, jeder Entwöhnung folge ein sprunghafter Fortschritt in der Weiterentwicklung des Kindes, und das Versagungserlebnis sei ein mächtiger Anreiz dafür. „Mehr noch“, fügt Spitz hinzu, „es ist klar, daß Versagungen eine wichtige, eine notwendige, eine entscheidende Rolle in dem Anpassungsvorgang spielen, den das Kind vollziehen muß, um sich der menschlichen Gesellschaft einzuordnen.“

Natürlich kann das nicht heißen, ein Kind möglichst früh mit möglichst vielen Schattenseiten des Lebens bekanntzumachen. Wie überall, kommt es auch hier darauf an, das richtige Maß zu finden. Ebenso wichtig ist es, daß die von den Eltern gesetzten Versagungsreize dem kindlichen Alter entsprechen müssen. Der richtige Zeitpunkt für ein bestimmtes erzieherisches Tun oder Lassen läßt sich allerdings nicht an einer Tabelle ablesen; er bleibt dem mütterlichen Fingerspitzengefühl überlassen.