Erst waren es der Prager Sender „Freies Spanien“ und die Kommunisten, denen Staatschef Franco die Alleinschuld an dem nun schon sieben Wochen andauernden Massenstreik der spanischen Arbeiter in die Schuhe schieben wollte. Doch mit diesem „schwarzen Peter“ hatte der in die Enge getriebene Caudillo – wie sich alsbald zeigte – nur wenig Glück. Diese Parole verfing bei den aufgebrachten Arbeitern in den Provinzen und in den Städten nicht. Den kommunistischen Agitatoren, die sie zu einem Generalstreik aufputschen wollten, waren sie nicht auf den Leim gegangen. Ihre Absage war deutlich genug.

Also mußte sich der Generalissimus einen anderen Sündenbock suchen. Und er fand ihn: Vor 12 000 Getreuen aus dem spanischen Bürgerkrieg stellte er nun „einige separatistische Priester“ an den Pranger. Sie, so rief er zornig aus, seien die wahren Unruhestifter und Hintermänner dieses bisher größten Streiks in der 25jährigen Geschichte der iberischen Republik.

In der Tat – zum erstenmal ließ die katholische Kirche Spaniens Franco im Stich. Seine Diktatur, die bisher auf den drei Pfeilern Partei-Großgrundbesitz-Kirche ruhte, ist ins Wanken geraten. Fast alle Bischöfe des spanischen Episkopats – mit Ausnahme des falange-treuen Bischofs von Madrid – haben den Streikenden Rückendeckung gegeben. Sie ließen sich bisher auch nicht von den Vorhaltungen und Appellen des ergrimmten Staatschefs, doch streng auf Einheit von Kirche und Staat zu achten, einschüchtern. Als Polizisten sogar das Büro der Katholischen Aktion durchsuchen wollten, die als erste kirchliche Organisation die Forderung der Arbeiter öffentlich verteidigt hatte, da legte der Bischof von Barcelona Protest ein. Mit Erfolg. Selbst vom päpstlichen Nuntius, dem Kardinal Antoniutti, mußte sich der Caudillo sagen lassen, das Eintreten der spanischen Bischöfe für das Streikrecht verletze nicht das Konkordat zwischen Madrid und Rom.

Die Kirchenführer, die so überraschend und in einer fast geschlossenen Front gegen den Generalissimus auftraten, handeln tatsächlich nicht auf eigene Faust, nicht gegen den Willen des Vatikans. In der letzten Sozial-Enzyklika „Mater et Magistrat hat Papst Johannes XXIII. jene Forderungen aufgestellt, die heute die spanischen Arbeiter ihren Regierungen entgegenhalten: Miteigentum, Gewinnbeteiligung, Mitverantwortung im Betrieb.

Wie das päpstliche Lehrschreiben, so verlangen auch sie: soziale Gerechtigkeit, eine vom Staat unkontrollierte Zusammenarbeit zwischen den Unternehmern und den Arbeitern, wirtschaftliche und soziale Selbstverantwortung.

Es geht ihnen nicht allein um höhere Löhne, sondern darum, die gewerkschaftliche Selbstbestimmung durchzusetzen. Das bedeutet vor allem die Auflösung oder zumindest die Umbildung der Nationalsyndikate – dieser „Scheingewerkschaft, wie katholische Kritiker sagten, die unter der Aufsicht des Staates Tariffragen und Sozialprobleme pauschal und autoritär regeln. Gegen diese Einheitsgewerkschaft laufen die Streikenden Sturm. Und sie finden dabei sogar die Zustimmung einiger Mitglieder der Regierung Francos – des Arbeitsministers José Solis Ruiz und des Wirtschaftsministers Ullastres –, die zu den Initiatoren einer sozialen Reformbewegung gehören und nun an einem Entwurf zur Sicherung des Streikrechtes arbeiten.

Die Tage des Ausstandes in Spanien scheinen gezählt zu sein. Viele Konzerne und Betriebe haben bereits aus eigenem Entschluß die Bezüge erhöht. Die von der Regierung verfügte Steigerung des Steinkohlenpreises brachte auch den Bergarbeitern in Asturien Lohntüten, die mehr Inhalt haben. Die Gefahr einer Wirtschaftskrise, die das Land in ein Chaos gestürzt hätte, konnte noch einmal rechtzeitig aufgehalten werden.