Von Wolf Jobst Siedler

Vor wenigen Wochen ist in Moskau ein bemerkenswerter Vorgang über die Bühne des Schriftsteller-Verbandes gegangen. Die literarische Organisation, die seit Jahrzehnten als Sprachrohr und Hebelarm der Partei gilt, wählte eine Reihe von jungen Schriftstellern in ihr Präsidium, die bisher hauptsächlich als Kritiker des Schriftsteller-Verbandes aufgetreten und auch im westlichen Ausland als die zornigen jungen Männer der Sowjetunion bekanntgeworden waren.

Man hat sich seit einiger Zeit daran gewöhnt, daß solche Leute nicht mehr wie in den dreißiger oder vierziger Jahren liquidiert oder zumindest verbannt werden; Männer wie Kasakow, Jewtuschenko oder sogar Dudinzew können einigermaßen ungeschoren weiterarbeiten, während ihre rebellischen Vorgänger Zamjatin, Oldscha oder Babel in irgendwelchen Lagern verstummten. Mit diesem Wechsel im geistigen Klima Rußlands ist man allmählich vertraut.

Noch nicht dagewesen ist die dialektische Taktik, die aus unbotmäßigen Kritikern kurzerhand Funktionäre macht, unbekannt war bisher die opportunistische Verschlagenheit, die sich der unbequemen Opponenten zu entledigen weiß, indem sie ihnen über Nacht Verantwortung auf die ungeübten Schultern packt.

Das Verfahren, das eine verblüffte Umwelt ungläubig beobachtete, beginnt seine ersten Früchte zu tragen. Die jungen Leute, deren modernere und kühnere Erzählwerke in die meisten westlichen Sprachen gerade ihrer Aufsässigkeit wegen übersetzt worden sind, reisen als die Botschafter der Sowjetunion durch Frankreich und England, und ihnen gelingt, was den linientreuen und dogmatischen Parteischriftstellern, den Männern vom Schlage Simonows oder Katajews, niemals erreichbar war: sie faszinieren das Ausland in ihrer kritischen Offenheit. Sie dringen in die Titelseiten der Pariser und Londoner Zeitungen vor, die ihren Lesern voll verwunderten Staunens kommunistische Intellektuelle vorführen, die sich über den sozialistischen Realismus und die Traktorenpoesie lustig machen und dennoch leidenschaftliche Kommunisten sind.

Der Vorgang macht die alte Erfahrung lebendig, nach der die Kritiker eines Glaubens diesen zugleich auch immer wieder möglich machen – daß die Rebellen auch immer die Erneuerer sind. Außerhalb der Sowjetunion war das bereits an Einfluß und Wirkung der Revisionisten Bloch, Lukács und Kolakowski zu verfolgen, die dem von ihnen kritisierten System die intellektuelle Avantgarde Polens, Ungarns und Ostdeutschlands wieder gewogen gemacht haben.

Am Rande sei gesagt, daß es in Japan nicht anders ist: Der schärfste Kritiker der Zen-Philosophie, der staunenswert begabte Romancier und Erneuerer der alten No-Spiele, Yukio Mishima, hat die Zen-Lehre für die Intelligenz Japans wieder attraktiv gemacht.