R.F. Paris‚ Anfang Juni

Für die schlafwandelnden Franzosen kündigt sich ein unsanftes Erwachen an: Der Strom der algerischen Flüchtlinge nimmt überhand. Im Staatssekretariat für die Repatriierung hat man sich das anders vorgestellt.

Die Vorbereitungen waren auf eine über vier Jahre verteilte Rückwanderung von insgesamt 400 000 Personen ausgerichtet worden. Bei diesem Rhythmus – so war geplant – konnte die Einwanderung sogar zu einer Entlastung des stark angespannten Arbeitsmarktes führen und im Rahmen der Vierten Wirtschaftsplanung sogar eine bedeutende und willkommene Funktion haben. Jetzt sieht man sich plötzlich vor schlimmen Möglichkeiten. Das erste Hunderttausend der Flüchtlinge wird schon sehr schnell erreicht sein. Die Aufnahme von 400 000 Flüchtlingen wird schon im Zeitraum eines Jahres abgewickelt werden müssen...

Unter diesen Bedingungen gestaltet sich der Empfang der Rückwanderer recht chaotisch. Die meisten Ankömmlinge sind einem panikartigen Impuls gefolgt. Sie haben in Algerien alles zurückgelassen, was sie nicht in zwei Koffern mit sich tragen konnten. Aber allein durch diese Tatsache, daß sie geflüchtet sind, haben sie zu verstehen gegeben, daß sie den Kampf der europäischen Terroristen in Algier und Oran für aussichtslos halten.

Die französische Regierung hat hastig einen Kredit von 200 Millionen NF freigemacht, um den ersten Schock zu überstehen. In jedem Departement soll nun ein Empfangszentrum geschaffen werden, das die unter unbeschreiblichen Bedingungen reisenden Flüchtlinge mit ersten Hilfeleistungen versehen kann. In einer vorbildlichen „Welle der Hilfsbereitschaft“ befassen sich verschiedene kirchliche und private Organisationen mit ihren Sorgen. Daneben wird den Flüchtlingen für die erste Zeit eine Unterstützung zwischen 300 bis 700 NF monatlich ausbezahlt.

Die Bevölkerung Frankreichs wird in diesen Tagen nicht nur aus Nächstenliebe aufgefordert, den „Brüdern“ und „Schwestern“ aus Algerien einen guten Empfang zu bereiten. Es besteht die Gefahr, daß gewisse Politiker das Algerien-Problem als Trampolin für den Sprung an die Macht benützen könnten...