r.g., Waldfischbach

Eine fürwahr geniale Apparatur hat die Gemeinde Waldfischbach im Kreis Pirmasenswohlfeil zu verkaufen: eine elektrische Anlage. Sie könnte auch anderen pfälzischen Orten von Nutzen sein. Die Einrichtung – an der Schalttafel des neuen Transformatorenhauses schlicht als „Versuchsanlage“ bezeichnet – hat einen Monat lang zur vollen Zufriedenheit ihrer Erbauer und Auftraggeber gearbeitet. Nun kann sie auf Wunsch jederzeit besichtigt werden. Es handelt sich um ein System von 125 langen Heizstäben, das nur dafür da war, in Waldfischbach die kühlen Maiennächte „anzuheizen“. Pro Nacht wurden mit dieser Apparatur ungefähr 4000 Kilowattstunden „ins Blaue verpufft“. Zu welchem Zweck?

Der Konstrukteur dieser höchst ungewöhnlichen Heizung, der Elektromeister und Chef jener gemeindeeigenen Energiewirtschaft, Kragers, sagt zwar: „Das ist der größte Blödsinn, den ich bisher in meinem Leben gemacht habe.“ Trotzdem kann er mit seinem Auftraggeber, dem Bürgermeister Stein, auch diese Rechnung aufmachen: Die Anlage kostet einschließlich Montage etwa 4000 Mark, dazu der Nachtstromverbrauch für einen Monat von 18 Uhr bis zum Morgen ungefähr 2000 Mark. Dafür aber – und das ist das Erstaunliche – spart die Gemeinde schätzungsweise 30 000 Mark ein; der Reingewinn liegt also zwischen 24 000 und 22 000 Mark – den ideellen Nutzen gar nicht mitgerechnet.

Der in Waldfischbach bis zum 31. Mai so beharrlich „vernichtete“ Strom kommt von der „Pfalzwerke AG“, einem Verteilerunternehmen, das die Pfalz und seit einigen Jahren auch Gebiete an der Saar beliefert.

Die Gemeinden, die ein eigenes Netz haben, sind aber nach Meinung des Waldfischbacher Bürgermeisters den Pfalzwerken „ein Dorn im Auge“. Weit über hundert Gemeindenetze, so schimpft er, seien in den letzten zehn Jahren den Pfalzwerken „in die Hände gefallen“.

Den Bürgermeister erzürnte aber noch etwas anderes: Er findet, daß die Pfalzwerke ihre Ware zu teuer verkaufen. Der Strom, so meint er, könnte gut um 20 Prozent billiger geliefert werden. Obendrein war für die Gemeinden ein „Zonenleistungsrichtpreis mit Winterzuschlag“ festgesetzt worden. Danach muß das örtliche Verteilerunternehmen im Winter einen Zuschlag zahlen, sobald im Sommer zuvor weniger Strom verbraucht wurde. In der 4500 Einwohner zählenden Gemeinde Waldfischbach werden zur Winterszeit monatlich 500 000 Kilowattstunden abgenommen, im Mai indes nur 360 000 kWh. Für diese Differenz mußten sie im letzten Winter einen Zuschlag von fast 30 000 Mark zahlen.

Wenn nun aber, so sagten sich der pfiffige Bürgermeister und seine Mitarbeiter, der Verbrauch im „Testmonat“ Mai künstlich in die Höhe getrieben würde, dann müßte doch der Winterzuschlag wegfallen. Lange überlegten sie nun, was man mit dem zusätzlichen Strom anfangen könnte. So kamen sie schließlich auf die Idee, einen „Elektrisierungsapparat“ zu bauen. Mit ihm will Bürgermeister Stein, frei nach Doktor Eisenbart, die Stromlieferanten auf seine Art kurieren: „Man kann manche Stellen nur mit einer Schocktherapie nachmachen!“

Waldfischbachs Oberhaupt ist zuversichtlich, daß er mit seinem Streich die Gemeinde vor der „Willkür der Tarifpolitik“ in Schutz nehmen konnte Er glaubt, daß er seine „Versuchsanlage“ im nach sten Jahr nicht noch einmal einzuschalten braucht. Deshalb hat er sie bereits in zwei Zeitungsanzeigen zur „Weiterverwendung“ angeboten: „Den A-Gemeinden im Versorgungsbereich der Pfalzwerke AG empfehlen wir zur Ersparung ihres Winterzuschlags unsere erprobte ‚Stromvernichtungsanlage‘. Sie können damit bei Ausnutzung des Nachttarifs 4000 kWh jede Nacht in die Luft lagen. Mitgliedsgemeinden der Arbeitsgemeinschaft der A-Gemeinden haben den Vorzug. Näheres durch den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der A-Gemeinden eV, Stein, Bürgermeister.“