Von Thilo Koch

Washington, im Mai

Wenn er nicht einer der schwerfälligen schwarzen Limousinen des State Department entstiege, könnte ich ihn mir gut auf einem Pferd vorstellen. Kein Herrenreiter, nein – aber ein Jockey: klein, ausgetrocknet, sehnig, viele scharfe Falten auf der gebräunten Gesichtshaut, schmallippig. Die Stimme ist überraschend tief, tönend. Der – was die Europa- und damit Deutschland-Fragen anlangt – dritthöchste Mann im amerikanischen Außenministerium spricht sehr langsam, suchend, hart, realistisch. Er hört geduldig zu, läßt sich aber auch nicht gern unterbrechen.

Foy David Kohler ist vierundfünfzig Jahre alt; ein Karrierediplomat seit über dreißig Jahren. Er ist kein Kennedy-Mann. Präsident Eisenhower berief ihn im Jahre der Genfer Berlin-Konferenz, 1959, in das Amt, das er auch heute noch hat: Assistant Secretary of State for European Affairs. Kohler ist außenpolitisch ein Mann der Dulles-Ära, der Dulles-Schule. Sein stadtbekannt problematisches Verhältnis zum deutschen Botschafter mag vor allem dadurch belastet sein, daß Wilhelm Grave in ihm einen Abtrünnigen sieht.

Ist er das? Kohlers Name ist eng geknüpft an das vertrauliche amerikanische Arbeitspapier, das durch seine unzeitgemäße Veröffentlichung in Bonn zum Anstoß der bis dahin ernstesten Verstimmung zwischen Washington und Bonn wurde. Er ist in der Tat seit der Kennedy–Chruschtschow-Begegnung in Wien, bestimmt aber seit der Mauer, der amerikanische Berlin-Spezialist. Obwohl für ganz Europa (außer dem Ostblock) zuständig, arbeitete er fast nur noch in der „Berlin-Krisen-Sondergruppe“ des State Department und war auch der amerikanische Gesprächspartner für Professor Grewe im Washingtoner Botschafterlenkungsausschuß der vier Westmächte.

Köhler wirkt nicht brillant, ganz und gar nicht intellektuell. Mit den Harvard-Professoren um Kennedy hat er kaum Kontakt. Es ist nicht wahrscheinlich, daß Professor Rostow, Chef des Planungsstabes im Außenministerium, Foy Kohler zu seinen Inspiratoren zählt. Von seinem Büro am Potomac wird Köhler selten zur Pennsylvania Avenue ins Weiße Haus gerufen. Er ist ein geschätzter Handwerker der Außenpolitik, ein Mann der Routine, die „europäische Hand“ von Dean Rusk.

Seine Krawatte ist unauffällig auf den bescheidenen Anzug abgestimmt. Neben Herren wie George Kennan oder Charles Bohlen verschwindet er. Unscheinbarkeit produziert aber oft Zähigkeit und Einfluß über die Macht, die im beherrschten Detail liegen kann. Kohler ist der Typ des Arbeiters – äußerlich, psychologisch. Beim Militär wäre er einer jener harten, nicht sehr gesprächigen und charmanten, aber zuverlässigen Truppenkommandeure, die sich aus dem Feldwebelstand nach oben gedient haben.