In der gegenwärtigen Kampagne der SED-Propaganda gegen westdeutsche Schriftsteller, die zwar als oppositionell gelten, jedoch der DDR nicht eben kritiklos gegenüberstehen, wurde neuerdings – wie an dieser Stelle bereits vor einer Woche vermerkt – auch Heinrich Böll angegriffen.

Dem Ostberliner „Sonntag“ vom 20. Mai entnehmen wir, daß sich Friedrich Luft noch vor einigen Monaten „erfolglos abgemüht“ habe, Böll in einem Fernsehinterview „zu Äußerungen gegen die DDR, den Schutzwall und das sozialistische Lager zu bewegen“.

Hingegen hätten die Redakteure der ZEIT „offensichtlich mehr Glück“ gehabt, denn mit dem Artikel „Gesamtdeutsches Jägerlatein“ (DIE ZEIT vom 2. März 1962) habe Böll „seinen Tribut an die Bonner Einheitsmeinung“ geleistet. Er sei „anscheinend gezwungenermaßen in den großen kalten Krieg der Bonner Strategen gegen die DDR“ eingestiegen.

Auf der gleichen Seite des „Sonntag“ werden – neben einer Bibliographie der Werke Bölls in der DDR – Auszüge aus den durchweg lobenden Kritiken der dortigen Zeitungen über seine Bücher gedruckt. Dem Leser soll wohl zu dem Schluß verholfen werden, der Böll sei zumindest ein sehr undankbarer Mensch.

Zunächst einmal eine Kleinigkeit: Luft hat in dem Fernsehinterview lediglich gefragt, ob Böll in der Tatsache, daß seine Bücher auch in der DDR erscheinen, etwas Diffamierendes sehe. Niemand konnte den Eindruck haben, Bölls verneinende Antwort hätte Luft überrascht. Die Behauptung, er habe Böll zu Äußerungen gegen den Osten bewegen wollen, ist eine freie Erfindung des „Sonntag“.

Die Vermutung wiederum, Böll sei von den „Bonner Strategen“ zum „großen kalten Krieg“ gezwungen worden, beweist nur, daß man in Ostberlin allzu leichtfertig von den eigenen Verhältnissen auf die hiesigen schließt und daher das Interesse der Regierungsstellen in Bonn für die deutsche Gegenwartsliteratur und ihre Verfasser erheblich überschätzt.