Wenn ich nochmals auf die Welt komme, möchte ich als Rennpferd geboren werden. Es ist nicht so sehr der Ruhm und der Glanz, die so ein Rennpferd umwittern, auch nicht der elegante Stall – obwohl dies in einer Zeit der Wohnungsnot schon eine Rolle spielt –, es sind die Namen, die es mir angetan haben.

Man kann Sturmwolke heißen, Xerxes, Goldkönig oder Springflut, Odin, Kondor, Nofretete oder Oberon – wo wird einem sonst so etwas geboten! Trotz der beachtlichen Erfindungsgabe, mit der junge Ehepaare von heute ihre Nachkömmlinge benennen – wie kümmerlich sind die Menschen dran. Ihr fester Stamm von Vornamen hat sich im Laufe der Jahrtausende erheblich abgenutzt, da muß man schon in fremde Erdteile gehen, um dem Nachwuchs einen glanzvolleren Namen als Hans oder Peter einzuhandeln. Man tut, was man kann, um diese gewissermaßen blind gewordenen Namensschilder etwas aufzupolieren. Aber es kommt nichts Rechtes dabei heraus, selbst wenn man die ganze Filmwelt abgrast und Anleihen bei den Großen dieser Erde macht. Man muß ja auch daran denken, daß so ein Unglückswurm von Erdenbürger in zwanzig Jahren hochgeschossen ist und dann niemand mehr nach einer Soraya oder Jacqueline fragt. Wer heißt schon heute gern Winston, Franklin oder gar Stalin – nein, ich möchte sehr davon abraten.

Wer konnte vor etwa zwanzig Jahren ahnen, daß Namen wie Adolf oder Hermann heute ihrem Träger nicht gerade angenehm sind – und selbst die bisher unbescholtenen Siegfriede und Rolande haben mit den Gunther und Hagen etwas von ihrer Aureole eingebüßt. Man sollte seine Namen überhaupt nicht bei Diktatoren einkaufen; wenn sie noch so eisern und wertbeständig wirken, sie geraten zu leicht außer Kurs. Da erwiesen sich schon die Namen der vielgeschmähten Kaiser und Könige als viel strapazierfähiger; die Wilhelme, Friedriche und Friedrich-Wilhelme, die Josephe, Frame und Franz-Josephe haben trotz allem immer noch Kredit und wirken in ihrer Patina immer noch recht honorig.

Aber eben wegen aller dieser Schwierigkeiten möchte ich lieber ein Rennpferd werden. Da kann ich unverwechselbare Namen haben wie Pflasterkasten oder Kattun, Adagio oder Wundertüte, Nordwind, Federspiel, Volkslied, Fernweh, Rosinante, Prätendent oder Pfefferkorn. Natürlich kann ich auch Fehlstart heißen, Rübenschwein oder Lumpenlieschen – bei Rennpferden ist alles möglich. Aber ich finde es doch viel sympathischer, als Linienwirtin anzutreten, als etwa unter dem Namen Nikita ein bemißtrautes Dasein führen zu müssen.

Ja, wenn man noch die guten alten Kalendernamen in Ehren hielte. Aber es herrscht eine allgemeine Abneigung gegen Namen wie Habakuk, Pirmin und Theopont, und auch die Damen sträuben sich gegen Appollonia oder Kunigunde. Solange sie hilflos in der Wiege liegen, können sie sich nicht dagegen wehren – aber wenn sie erst aus dem Gröbsten heraus sind, werden sie ihren Eltern schon zeigen, was es bedeutet, mit einem Namen behaftet zu sein, der jedem ein verstecktes Lächeln entlockt.

Da plädiere ich durchaus für das reiche Namensrepertoire der Rennpferde. Nur den Bericht eines Pferderennens zu lesen, ist ein Genuß. Wenn Klettermaxe mit Safran Nase an Nase liegt, bis er von Küchenschabe abgehängt wird, Imperator dagegen über Herzbube siegt, nachdem Gardeulan auf den vierten Platz zurückgefallen ist, und Rosenfee stolperte, während Eisgang hinter Bergamaske doch noch Zweiter wurde – das ist geradezu ein lyrisches Gedicht mit romanzenhaftem Einschlag.

Ich gäbe nicht nur für ein Pferd ein Königreich, nein, schon für einen Pferdenamen! Maré Stahl