Karibisches Tagebuch (III) – Rum für den Export, der Hunger bleibt im Lande

Die Westindische Föderation bricht auseinander. Jamaica besteht auf seiner Selbständigkeit, Barbados dagegen versucht – gemeinsam mit sieben winzigen Inseln – einen neuen politischen Bund zu bilden. Mit diesem Reisebericht beschließt Thilo Koch seine Serie über die Karibischen Inseln–die „verlorenen Paradiese zwischen Kennedy und Castro“.

Kingston, Jamaica

Auf den ersten Blick haben wir es hier wirklich: das Ansichtskartenparadies. Palmen über weißem Strand sowieso; aber auch „Silk Cotton Trees“ von 15 Meter Durchmesser, aus denen die Eingeborenen Kanus bauen; Krokodile, 57 Arten von Vögeln, 194 Orchideensorten, 3000 Blumenarten. Jamaica, das bedeutet: die Wohlbewässerte. Alles ist grün, überall murmeln Bäche, brausen Wasserfälle. Dabei ist das Klima relativ trocken, zumeist weht ein kühlender Wind vom Meer. Ich kam vom US-Festland, aus Miami, und überflog Kuba. Mit einer der kleinen Propellermaschinen braucht man knapp zwei Stunden bis nach Montego Bay, Jamaica. Nur 150 Kilometer Karibische See liegt zwischen der größten und der drittgrößten Insel der Antillen, zwischen Kuba und Jamaica. Auch hier jedoch kann räumliche Nähe nichts ausrichten gegen ideologische, historische, politische Entfernungen und Entfremdungen.

Wir denken bei dem klangvollen Namen Jamaica automatisch an den besten Rum der Welt, der hier aus Zuckerrohr gebraut wird. Das ist auch nicht so abwegig, denn die Zucker- und Rumproduktion macht 50 Prozent des Exports aus. Als ich Mr. Douglas Fletcher, einen Minister der gegenwärtigen Regierung, traf, war es selbstverständlich ein „Planter’s-Punsch“, ein köstliches Rumgetränk mit Ananas und Limonensaft, das man in der Bar des sehr britisch-kolonialen Myrtle-Bank-Hotels bestellte. Der Minister hat dunkle Hautfarbe, aber es gibt natürlich in einem Land mit zwei Prozent Weißen keine Rassendiskriminierung – es sei denn, man nennt das komplizierte System der sozialen Abstufung nach Hautschattierungen diskriminierend. Je heller, desto feiner – ist die Devise, und der braune Mann fühlt sich dem schwarzen überlegen.

Praktisch haben die Jamaicaner längst eine weitgehende Selbstverwaltung, aber am 10. April 1962 sollen allgemeine Wahlen zur vollständigen Unabhängigkeit Jamaicas führen, die mit dem 6. August dieses Jahres effektiv wird. Dann kann ein neuer Staat in die Vereinten Nationen einziehen, und mit seinen 1,6 Millionen Einwohnern wird er nicht einmal der kleinste sein. Die innenpolitische Entwicklung vollzieht sich nach dem Zweiparteiensystem; der jamaicanische Parlamentarismus gleicht dem englischen aufs Haar, nämlich bis auf die Perücke des Sprechers. Ministerpräsident Manley spricht ein gepflegtes britisches Englisch. Die Bindung der Kolonie an britische Lebensart, britische politische Philosophie ist denkbar eng. Wieder zeigt sich am kleinen Beispiel Jamaica – wie am großen Indien –, daß den Engländern ein relativ schmerzloser, allmählicher Übergang vom Kolonialzeitalter in das der unabhängigen farbigen Staaten gelang. Es würde schlimm stehen, wenn sich ähnliches wie im bei-, gischen Kongo und im französischen Algerien und im portugiesischen Angola auch in den vielen britischen Kolonien ereignet hätte. Die bedeutendste Kulturleistung der Kolonisatoren in der Karibischen See überhaupt ist das „University College of the West Indies“ auf Jamaica. Überall wird dankbar anerkennt, daß die Engländer hier mit großen Kosten eine Schule für die einheimische Elite schufen, an der es zum Beispiel im ehemaligen Belgischen Kongo so verhängnisvoll fehlt.

Trotzdem ist auch Jamaica tief in unlösbar erscheinende Probleme verstrickt. In der Hauptstadt Kingston habe ich grenzenlose Armut und Verwahrlosung gesehen. Die paradiesische Natur auch dieser wunderschönen Insel hat zwei Seiten: In Montego Bay genießt sie der amerikanische Tourist für 25 bis 40 Dollar je Tag und je Person in luxuriösen neuen Hotels – im Inneren der Insel und in den kleinen und großen Orten sind 15 Prozent der ehemaligen Sklaven arbeitslos und 40 Prozent der Beschäftigten unterbezahlt und unterbeschäftigt. Wie alle unterentwickelten Gebiete, schreit Jamaica nach Investitionen.