Eine neue Unheilwolke zieht sich über dem Kongo zusammen und droht sich zu entladen, falls Premierminister Adoula und der Herrscher von Katanga, Aloise Tschombe, nicht bald eine Einigung erzielen. Die beiden verhandeln zur Zeit in Leopoldville darüber, wie das vor knapp zwei Jahren abtrünnig gewordene Katanga wieder in den Kongostaat eingegliedert werden kann. Eine „grundsätzliche Einigung“ hatten sie schon im vorigen Dezember in Kitona erreicht, aber seitdem ist nichts geschehen, sie in die Tat umzusetzen. So dauert die politische Unsicherheit weiter, und die kongolesische Wirtschaft ist in einem gefährlichen Niedergang begriffen. Die Einnahmen der reichen Union Minière – über 550 Millionen Mark – fließen nach wie vor zum größten Teil in Tschombes Kasse.

Jetzt ist es dahingekommen, daß Adoula wie Tschombe um ihre Stellung bangen müssen, wenn sie das Land nicht aus der Sackgasse herausführen können. Die Union Minière wird von beiden Seiten bedrängt, sie möge sich entscheiden, welche der beiden immer schwächer werdenden Regierungen sie unterstützen soll – Tschombe in Elisabethville oder Adoula in Leopoldville.

Adoulas Gegner machen kein Geheimnis mehr aus ihrem Bestreben, den Premier zu stürzen. Sie werfen ihm Schwäche vor. Der kommende Mann, der die meiste Unterstützung genießt, ist dabei der zweiunddreißigjährige Cleophas Komitatu, Innenminister im Kabinett Adoula. Kamitatu war ein getreuer Anhänger des ermordeten Patrice Lumumba, entging aber dem Schicksal vieler Lumumbisten durch Klugheit und politische Manövrierfähigkeit. Ob er freilich der neue Führer des Kongo wird, hängt ganz davon ab, wieweit ihn die Armee stützt. Drei prominente Obersten – einer in Katanga, ein zweiter in Kasai und ein dritter in Leopoldville – haben vor kurzem in Thysville die Rolle der Armee angesichts der neuen Lage beraten. Ihr Beschluß: Sie wollen eingreifen, wenn ihr Oberbefehlshaber, General Mobutu, Kamitatu den Weg zur Macht zu versperren versucht. Adoula soll übrigens nicht ganz ausgeschaltet werden; ihm soll das Amt des Wehrministers angeboten werden. Die Kritik richtet sich nur gegen seine Unfähigkeit, die Einheit des Kongo wiederherzustellen.

Der große Unbekannte in der ganzen Rechnung ist Victor Nendaka, achtunddreißig Jahre alt, Minister für öffentliche Sicherheit und ehemaliger Vizepräsident von Lumumbas Partei. Er gilt weithin als der einzige Mann im Kongo, der wirklich Macht besitzt. Die Schar seiner Anhänger im Lande ist zwar klein, aber er kommandiert die Sûreté – und damit läßt sich manches gegen lästige Opponenten ausrichten. Falls er und Mobutu dem Staatspräsidenten die Gefolgschaft aufkündigten, wäre es um Kasavubu wohl geschehen.

Eine ähnliche Revolte gegen Tschombe bahnt sich in Katanga an. Auf der einen Seite rebelliert eine Gruppe von Stammeshäuptlingen, angeführt von dem rücksichtslosen Bayeke-Häuptling Godefroid Munongo, der Tschombes Verhandlungen mißbilligt. Diese Gruppe will die Autonomie von Katanga zu ihren eigenen Bedingungen bewahren. Die andere oppositionelle Gruppe arbeitet insgeheim mit Kamitatu zusammen. Sie möchte sowohl Tschombe als auch Munongo ausmanövrieren.

Zum erstenmal scheinen ausländische Elemente bei dem Tauziehen um eine starke einheitliche Regierung nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Dennoch haben die belgischen Finanzinteressen noch ein entscheidendes Wort mitzureden. Die offizielle Politik der Union Minière entspricht der Brüsseler Linie: Abbau der wirtschaftlichen Unterstützung Katangas, Errichtung einer starken Zentralregierung. Aber die diesem Ziel gewidmeten Geheimverhandlungen zwischen der belgischen und der kongolesischen Regierung haben bisher zu nichts geführt. Und die Union Minière würde eine neue Geschäftsgrundlage lieber mit einer neuen Kongo-Regierung abschließen, die nach einer Einigung von Tschombe und Adoula gebildet wäre.

Tschombe freilich kann es sich leisten, seine eigenen Bedingungen zu stellen: Er kann Steuern und Konzessionsgebühren von der Gesellschaft eintreiben, deren Tätigkeitsfeld fast nur in Katanga liegt. Zwar hat Adoula wiederholt geäußert, daß die Katanga-Regierung wie ein Kartenhaus zusammenbrechen müßte, wenn die Union Minière ihre Zahlungen zwei Monate lang einstellte. Aber die Union fürchtet, daß dann der ganze große Stab von Europäern und die wertvollen Fabrikanlagen den Angriffen der Katanga-Armee ausgesetzt wären, die ohne Zweifel meutern würde, sobald sie keinen Sold mehr bekäme. Das einzig wirksame Mittel dagegen wäre ein Eingreifen der Vereinten Nationen zum Schutz der Union Minière; doch ist es fraglich, ob die UN-Streitkräfte für ein solches Unternehmen stark genug wären.

Inzwischen ziehen neue Gefahren herauf. Anfang Juli werden die beiden Nachbarn des Kongo unabhängig – Ruanda und Urundi, die beide zur Zeit noch unter belgischer Treuhandverwaltung stehen. Niemand wagt optimistische Vorhersagen, was nach den Unabhängigkeitsfeiern passieren mag. Zehntausende von Flüchtlingen haben sich schon nach Uganda und in den Kongo durchgeschlagen, von wo sie ihren Kampf gegen die bestehenden Regierungen in Ruanda und Urundi fortzusetzen gedenken. Unruhen in diesen Gebieten könnten leicht auf den Kongo überspringen. C. L.