BERLIN (Ausstellungshallen am Funkturm):

„Juryfreie 1962“

Berlin hat zum erstenmal seit zehn Jahren wieder eine „Juryfreie“. Jeder Berliner Künstler konnte eine Arbeit einreichen, und diese Arbeit mußte unbesehen angenommen werden. Ein gut demokratisches Prinzip, das sich früher, etwa in der Wilhelminischen Ära, oft bewährt hat, dann nämlich, wenn junge, aufstrebende, revolutionäre Kunstrichtungen von den offiziellen Ausstellungen ausgeschlossen waren. Heute wird eine Juryfreie, wie man am Berliner Funkturm sieht, zur Travestie auf die künstlerische Freiheit. Nicht die zu Unrecht Unterdrückten und Mißachteten sind ihre Nutznießer, sondern die Maler, die mit röhrenden Hirschen, Alpenglühen und anderem blühenden Kitsch die Warenhäuser beliefern. Glücklicherweise verfügt die Berliner Juryfreie über eine ausgezeichnete Hängekommission. Sie hat das Unqualifizierbare, was da aus dem künstlerischen Untergrund auftaucht, mit Intelligenz, Humor und ein bißchen Bosheit nach Sparten des Ungeschmacks geordnet – religiöser Kitsch, mißverstandener Expressionismus und so weiter. Genau 695 Künstler haben sich beteiligt, die gute Hälfte ist in diesen Schreckenskammern untergebracht. Der immer noch ansehnliche Rest bietet den Anblick einer normalen Berliner Kunstausstellung, die Niveau haf und in der die verschiedenen Richtungen in annähernd der gleichen Proportion vertreten sind wie auf anderen repräsentativen deutschen Kunstausstellungen. Fast alle Berliner Maler und Bildhauer von Rang haben mitgemacht. Schmidt-Rottluff, Ahlers-Hestermann (der in diesem Jahr den Berliner Kunstpreis bekam), Hann Trier, Jaenisch, Uhlmann und die Sintenis. Außerdem wurden 30 Gäste aus der Bundesrepublik eingeladen, vorwiegend ehemalige oder zeitweilige Berliner wie Kokoschka, Heckel, Theodor Werner, Trökes und Gerhard Marcks. Die Ausstellung dauert noch bis zum 3. Juni.

HANNOVER (Wilhelm-Busch-Museum): „e. o. plauen“

e. o. plauen alias Erich Ohser, dieser herrliche und vielseitige Zeichner, war mit Erich Kästner befreundet, hat seine Gedichte illustriert („Herz auf Taille“), erlebte mit ihm in Leipzig und Berlin die Große Freiheit der zwanziger und später die Unfreiheit der dreißiger Jahre. Der politische Karikaturist Erich Ohser tarnte sich als unpolitischer Zeichner e. o. plauen und erfand für die „Berliner Illustrirte“ die Bildserie „Vater und Sohn“. Der kahlköpfige Vater mit Walroßbart und sein struwwelköpfiger Sprößling wurden die populärsten Witzfiguren des Jahrhunderts. Die Wilhelm – Busch – Gesellschaft bringt – bis zum 11. Juni – eine Gedächtnisausstellung, fast 300 Zeichnungen aus dem Nachlaß, dazu biographische Dokumente. Ohser wurde 1944 mit seinem Freund Erich Knauf von der Gestapo verhaftet und hat sich am Abend bevor sein Prozeß vor dem Volksgerichtshof begann, in Moabit erhängt. Neben den politisch aggressiven Blättern und den pointierten Witzzeichnungen sieht man Landschaftsskizzen, Berliner Straßenszenen und Soschtschenko-Illustrationen, die den Zeichner in die Nähe von Dix und Georges Grosz rücken.

DÜSSELDORF (Kunstverein): „Fazzini – Verlon“

Wie seine italienischen Kollegen Emilio Greco, Mascherini und auch Manzu hat Pericle Fazzini erhebliche Schwierigkeiten, in Deutschland Fuß zu fassen. Zur „documenta“ war er (im Gegensatz zu Greco und Mascherini) zwar zugelassen. Aber die deutschen Museen und Kunstinstitute verhalten sich diesen Italienern gegenüber, deren verdrehte Gegenständlichkeit nicht in das Konzept einer zeitgemäßen Plastik hineinpaßt, reserviert. Fazzinis erste deutsche Kollektivausstellung in Düsseldorf hat eine schlechte Presse. Der Bildhauer hat in der Tat eine vertrackte Vorliebe für das Komplizierte. Er mutet seinen Figuren die unwahrscheinlichsten Verrenkungen zu. Sie müssen turnen, tanzen, sich winden, sich drehen, sich überschlagen. Das traditionelle, das klassische italienische Formenrepertoire wird durch die manieristische Mangel gedreht. Das gibt manchmal, bei den winzig kleinen Figurchen, modernen Nippes, und bei manchen der größeren Figuren eine Geste vollkommener Anmut, die weder ganz natürlich noch ganz künstlich erscheint. Da wird irgendein Moment aus einem Bewegungsablauf fixiert, und die weiteren Bewegungsphasen sind als eine leichte Vibration schon in der fixierten Bewegung innenhalten. Im Studioraum des Kunstvereins sind – ebenfalls bis zum 3. Juni – Kollagen von André Verlon alias Willi Verkauf ausgestellt. Photos aus Zeitschriften, Büchern, Landkarten, „stellvertretende Ausschnitte der Wirklichkeit“, werden mit Papierschnitzeln und Malerei zu Bildern montiert, die das Absurde unseres Daseins manifestieren wollen. Das ist künstlerisch anspruchslos, ein Rückgriff auf längst bekannte verschiedene Kollagetechniken, aber es ist so geschickt gemacht, daß der Kunsthändler Verkauf seine eigenen Erzeugnisse unter der Marke Verlon gut verkaufen und sogar in bekannte Museen und Galerien lancieren konnte. Verkauf hat dem von ihm propagierten Maler Verlon eine abenteuerliche Biographie erfunden. Die seltsame Verkauf-Methode wäre ein hübscher Stoff für eine kleine Kunstkomödie. Für einen kleinen Kunstskandal, den man aus dem Fall Verlon machen möchte, langt es nicht. Dafür sind die Bilder des Herrn Verlon zu unwichtig. g. s.