Warum die Länderanstalt „Zweites Deutsches Fernsehen” nicht Wort halten konnte

Soviel ist inzwischen klar: Dem deutschen Fernseher werden auch nach dem 1. Juli zwei Programme geboten werden. Denn kein Verantwortlicher könnte es auf sich nehmen, das bisherige Zweite Programm, dargeboten von den Rundfunkanstalten, einzustellen, ehe die neue Anstalt das „Zweite Deutsche Fernsehen“ startbereit ist.

Die Besonnenen wissen, daß es das Publikum auch wenig interessiert, wer das zweite Programm macht, wenn es nur überhaupt gemacht wird. Es überrascht daher nicht, daß der Verwaltungsratsvorsitzende der Mainzer Anstalt, Ministerpräsident Peter Altmeier, und der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten, Intendant Hans Bausch, sich so rasch darüber verständigen konnten, wie denn nun die Schwierigkeiten – die finanziellen und die programmtechnischen – überwunden würden. So werden denn die Ministerpräsidenten den Bundespostminister bitten müssen, daß er die zweite Sender-Kette den Rundfunkanstalten über den 1. Juli hinaus zur Verfügung stellt. Die Anstalten müssen ihre Planungen umwerfen – und über das liebe Geld wird man sich schließlich auch noch einigen. Die Rundfunkanstalten wollen schließlich auch den Termin wissen, an dem der neue Auftrag endet: eine kitzlige Frage. Schließlich fordern die Funkanstalten – da alles in der Welt sein Preis kostet–, daß sie für diese Zeit keine 30 Prozent ihrer Netto-Fernsehgebühren-Einnahmen, sondern bloß 15 Prozent an Mainz abführen.

Es ist wirklich ein seltsames Schauspiel: Mikrophon und Fernsehkamera üben offensichtlich eine solche Faszination aus, daß selbst abgebrühte Politiker und Wirtschaftler ihr erliegen. Die Möglichkeit, sich ins Bild zu setzen – nicht zur eigenen, sondern zur Unterrichtung der anderen – ist wohl zu verführerisch, als daß nicht immer wieder versucht würde, sie auszunutzen. Wer allerdings zu penetrant erkennen läßt, daß es ihm um Propaganda geht, rutscht aus – wie dies die Bundesregierung zu ihrem Kummer erfahren mußte. Als das Bundesverfassungsgericht dem Bund bescheinigt hatte, daß seine Fernsehpläne verfassungswidrig seien, erlagen die Ministerpräsidenten der Länder dann ihrerseits der Faszination des Fernsehens und nahmen sich dieses Publikationsmittels auf ihre Weise an.

Wer auch immer an die Organisation eines Zweiten Fernsehprogramms außerhalb der bestehenden Rundfunkanstalten herangegangen war, er hatte übersehen, wie lange es gedauert hat, bis das erste Programm ausgebaut war. Mangel an Erfahrung haben deshalb die Pläne des Bundeskanzlers ebenso wie die der Ministerpräsidenten gekennzeichnet, als sie sich auf den 1. Juli 1962 als Starttermin für ihre Neugründung festlegten. Und fast ein ganzes Jahr ging zwischen der Unterzeichnung des Staatsvertrages über die Errichtung einer gemeinsamen Länderfernsehanstalt in Mainz und der Wahl eines Intendanten dahin.

Kein Programm, aber Teppiche

Zwischen dieser Wahl und der Erklärung, daß dieser Termin nicht einzuhalten sei, verstrichen noch einmal acht Wochen. Während dieser Zeit war der Aufbau der Anstalt über die Verpflichtung des Programmdirektors und des Chefredakteurs, die Bestellung einiger Hauptabteilungsleiter, über die Beschaffung von Dienstwagen und über die Festsetzung von Größe und Art der Teppiche und Aschenbecher nicht hinausgediehen. Die Ministerpräsidenten waren schlecht beraten, als sie den Vorschlag ablehnten, die beiden Fernsehprogramme von zwei gleich starken Gruppen der bestehenden Rundfunkanstalten in koordinierter Konkurrenz ausrichten zu lassen. Hätten sie zugestimmt, so wäre der Verdacht, daß sie Mainz als ihr Lieblingskind, die Senderanstalten dagegen als ungeratene Kinder betrachten, wohl schwerlich aufgekommen.