Im letzten Teil seines Berichtes sprach Robert Neumann von einer Wiener Wochenzeitung des Budapesten Zeitungsmaganaten Békéssy. Sie hieß Die Bühne.

In dieser Bühne standen zum ersten Male ein paar meiner Parodien. Der Bekessy-Konzern flog dann in die Luft, und Bekessy flüchtete – ach, Schwamm darüber, lasset die Toten ruhn. Aber zu der Zeit hatte ich schon genug Parodien, ein Bändchen aus ihnen zusammenzustellen. Ich bot es in drei Jahren vergebens sechzehn Verlegern an, und auch der siebzehnte, Engelhorn, hätte es nicht gekauft – hätte Ernst Lissauer es ihm nicht eingeredet.

Ernst Lissauer war unter allen Kollegen, die ich in meinem Leben getroffen habe, vielleicht der lauterste und sicherlich der naivste Mann; ein schwerer Mensch, krankhaft fett („aber innerlich bin ich schlank“, sagte er mir einmal) und mit sehr kurzsichtigen, treuherzigen Augen. Er war ein Preuße, aber er lebte in Wien. Er war ein Jude, aber seine Heroen waren Luther und Yorck, jener General. Er war sein Leben lang ein glühender Pazifist, aber als 1914 in den Zeitungen stand, das perfide Albion sei dem deutschen Siegfried, der sich damals eben Willem der Zweite nannte, in den Rücken gefallen, schrieb er jenen „Haßgesang gegen England“, der während des Krieges „fünf Armeecorps wert war“ (das sagte, glaube ich, Ludendorff) und den man ihm später nie vergaß. Er saß nicht zwischen zwei, sondern akrobatischerweise zwischen zwei Dutzend Stühlen auf dem Boden: eine grausige Tragikomödie nationaldeutschen Judentums – und warein deutscher Dichter. Als er starb, gelang es mir nicht, in einer englischen Zeitung auch nur ein einziges freundliches Wort über ihn zu sagen. Ihre Meinung über den Autor des „Haßgesanges“ war unerschütterlich.

Dieser mein erster und einziger Förderer also überredete den Verlag Engelhorn, meinBüchlein zu kaufen – „2000 Exemplare, das ist die oberste Absatzgrenze; mehr Gebildete, die die Originale kennen, gibt es in Deutschland nicht“. Sie kaufteil, aber sie druckten nicht. Ich gab auf und ging nach dem Orient. Als ich heimkam, hatten sie gedruckt.

Wie haben die Parodierten reagiert?

Am positivsten, soweit ich mich dessen erinnern kann: Walter Mehring, dem ich nie nahekam. (Auch heute, da ich mit ihm aufeine lockere Weise nachbarlich befreundet bin, weiß ich nichts von ihm.) Thomas Mann – ein zu großes Thema in diesem Zusammenhang. (Er war mir immer wohlgesinnt, ich habe ihn stets bewundert – in schicksalskameradschaftlicher Durchschauung seines verschmitzten Doppelspiels: ein goethesches Leben zu führen – Kustos seiner selbst, eines Thomas-Mann-Museums; und zugleich Parodist seines eigenen Kustodentums; und doch wieder zugleich höchst goethisch „Respekt“ verlangend – verlangend, daß man jenes mitwisserische Augenblinzeln, das er einem anbot, submissest zu übersehen hatte. Ein großer Mann im ganzen. Ein großer Schriftsteller jedenfalls. Lieblos, im Grunde. Mit zu vielen Blicken in den – Spiegel seiner stets historisch gelebten eigenen Gestalt, als daß für Auflockerung, Bescheidenheit oder gar Freundschaft je Raum geblieben wäre in seinem Leben,)

Dazu ein dritter: Börries von Münchhausen – unerwarteterweise für mich, der ich damals noch nicht verstand, daß ein nationaler Mann meinen Parodien durchaus nicht unbedingt feindselig gegenüberstehen mußte. Erstens sahen diese Leute sich da in literarisch feinster Gesellschaft; und zweitens waren die Nazis auf dem Weg nach oben: eine Parodie von mir zersetzendem Element war eine Wunde, die einem der Erbfeind schlug – sie wies einen beinahe als alten Kämpfer aus. Tatsächlich haben im Lauf jener Jahre ein gutes Dutzend jener Kollegen reklamiert, warum ich sie denn nicht parodiere. Ausnahme: der stursten einer, Rudolf Herzog; er trat aus der Organisation der Berliner Schriftsteller aus, weil die mich dort Parodien lesen ließen. In dieser Vorlesung saß Waldemar Bonseis (war es mit der damals eben von der Schule kommenden Brigitte Horney oder mit vier anderen jungen Mädchen?) in der ersten Reihe und klatschte zu meiner Bonsels-Parodie aufs lauteste.