Sie wären ein verlorener Baukostenzuschuß für den Frieden

Von Theo Sommer

Ulbricht hat westdeutsche Kredite für seinen "Staat" verlangt: drei Milliarden Mark. Dieser Wunsch stellt uns vor eine heikle Frage. Sie wäre schwierig genug zu beantworten, ginge es dabei nur ums Geschäft. Aber darum geht es nicht allein. Heikel wird die Frage, weil sie an das deutsche Gewissen gerichtet ist – und an unsere politische Vernunft.

Sollen wir den Kommunisten in kapitalistischer Verblendung selber den Strick liefern, an dem sie uns aufzuhängen trachten? Sollen wir Ulbrichts verabscheuungswürdiges System durch unsere Hilfe vor dem Bankrott bewahren? So fragen die einen mit aller Leidenschaft. – Sollen wir zusehen, wie die Millionen unserer Landsleute in der Zone immer tiefer in wirtschaftliche Not geraten? Sollen wir sie auch noch dafür bestrafen, daß sie unter einem Regime zu leben verdammt sind, das sie und wir bloß verwünschen, doch nicht stürzen können? So fragen die anderen nicht minder leidenschaftlich.

Pochen ans Bonner Portal

Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß der ostzonale Kreditwunsch durch eine Bonner Indiskretion in die Öffentlichkeit geraten ist. Man kann das Gefühl des Triumphes, dem diese Indiskretion wahrscheinlich entsprang, gut verstehen: Der Mann, der jahrelang protzte, die "DDR" werde die Bunderepublik wirtschaftlich überholen, der dann am 13. August seine Untertanen einmauern ließ, um sie an der Flucht in den Westen zu hindern, ausgerechnet er klopft jetzt ans Bonner Portal und bittet um Kredite! Dennoch ist die Indiskretion zu bedauern, weil sie manche hoffnungsvollen Ansätze verschütten könnte. Wenn bei den Gesprächen mit Pankows Vertretern politisch für uns etwas herausschauen soll, dann nur, wenn dieselbe Diskretion geübt wird wie Ende 1960 bei der Erneuerung des Interzonenhandelsabkommens.

Zwischen zwei und drei Milliarden Mark also möchte das Sowjetzonen-Regime von der Bundesrepublik haben (über den genauen Betrag wurde noch nicht gesprochen). Pankow ist vor allem an Steinkohle, an schwerindustrieller Ausrüstung – elektrischen Apparaturen, Pumpen, Motoren, Walzstraßen – und an Stahl interessiert; in geringerem Umfang auch an Lebensmitteln und Medikamenten. Bezahlen will die Sowjetzone erst nach fünf oder zehn Jahren, und zwar in Form von Gegenlieferungen und zum Teil mit Öl aus der Sowjetunion. Der gesteigerte Warenaustausch soll im übrigen – entgegen anderslautenden Meldungen – im Rahmen des Interzonenhandelsabkommens abgewickelt werden. Dieses Abkommen, in dem bestimmte Zusicherungen über die Freihaltung der Verkehrswege nach Berlin festgelegt sind, würde also ausgeweitet, nicht umgangen.