Wenn meine Versuche, das Niveau eines Abends unter Freunden und Bekannten zu heben (den Ausdruck Party vermeide ich bewußt, weil man sonst allmählich annehmen muß, mein ganzes Leben sei eine solche), indem ich immer wieder das Gespräch in geistige Bahnen lenke, bisher daran gescheitert sind, daß sich die anwesenden Damen lieber über die Frage: was tut man, wenn er nachts schreit (der zweijährige Sohn, nicht der Ehemann), und die Herren sich lieber über abwesende Damen unterhalten – so scheitern solche Bemühungen neuerdings daran, daß man bei uns in München anscheinend von nichts anderem reden und hören will als vom PROZESS.

Der Ruhm, einst Hauptstadt der Bewegung gewesen zu sein und einem berühmten Abkommen den Namen gegeben zu haben, war schon etwas verblichen – als Stadt aber, wo Vera Brühne lebt, kann München wieder Anspruch auf weitreichende Aufmerksamkeit erheben.

Dabei bin ich von vornherein in eine mißliche Situation geraten. Es ist doch so: Entweder weiß man über so etwas alles – oder gar nichts. Weil ich jedoch die Bedeutung dieses Prozesses zu einer Zeit unterschätzt habe, als sich die anderen bereits ausgiebig mit der Kindheit von Fräulein Kloo beschäftigten – was Mordprozesse angeht, bin ich vielleicht durch die Montesi- und Jaccoud-Fälle allzu anspruchsvoll und verwöhnt –, bin ich einfach nicht informiert genug, um mitreden zu können. Darum sitze ich meist verdrossen dabei und höre nur dauernd etwas über offene und geschlossene Schalter im Kölner Hauptbahnhof, über zweifelhafte Alibis von Heizungsmonteuren und über das unmotivierte Lachen der Vera Brühne am zwölften Verhandlungstag.

Nun könnte ich natürlich dennoch einfach mitreden, wie es sonst meine Art ist. Oder ich könnte den anderen den Spaß verderben, indem ich ihnen die Erbärmlichkeit ihrer Sensationslust vor Augen führe. Aber wenn es um Vera Brühne geht, kennen sie einfach kein Schamgefühl, und mir bleibt nichts anderes übrig, als weiter an diesem Mord zu leiden.

Dabei scheint es nicht einmal zu genügen, alles darüber zu wissen. Man muß auch imstande sein, eigene Theorien zu entwickeln und auf wichtige Umstände hinzuweisen, die von Polizei und Justiz bisher übersehen worden sind.

Wer nicht wenigstens einen eigenen Mörder bei der Hand hat, der darf bei uns gar nicht mitspielen. Der darf höchstens Zuhörer sein wie ich neulich, als mich Gil (sprich: Dschil) in meinem Stamm-Espresso mit der Frage überfiel: „Da waren doch vier Gläser! Für wen war das vierte Glas?“

Ehe ich „für mich nicht“ einwerfen konnte, stieß Gil bereits weiter ins kriminalistische Unterholz vor: „Warum kümmert man sich gar nicht mehr um Herrn Schmitz? Warum ging die Sprechstundenhilfe mit ihrem Freund ausgerechnet am Abend in das Haus? Wieso brannte dort Licht? Etwas muß offengestanden haben, aber was?“