Man kann darüber streiten, ob Nestroy nun wirklich geradezu ein Vorläufer von Kierkegaard, Sartre und dem absurden Theater gewesen ist. Unstrittig ist, daß er mit den Spaßvögeln und Possenreißern des alten Wiener Volkstheaters nur Äußerliches, nur die Tradition gemein hat, und zumindest seit dem legendären Fackel-Aufsatz von Karl Kraus sollte es unmöglich sein, ihn als heiterverspielten Traumbruder Raimunds zu präsentieren, der in ihm übrigens völlig zutreffend den direkten Antipoden gesehen hat.

Der Beitrag des Deutschen Fernsehens zum 100. Geburtstag Nestroys, der eben in allen deutschen Zeitungen und Zeitschriften noch einmal die schärfsten Federn in Bewegung gesetzt hat, scherte sich nicht viel um solche Haarspaltereien: Michael Kehlmann inszenierte „Einen Jux will er sich machen“, als wärs von Bäuerle oder Meisl – also eine vergleichsweise spaßige Lustbarkeit ohne irgendwelche Geistzutat. Nur Helmut Qualtinger brachte in die Schar der fehlbesetzten Schauspieler jene gemütliche Bedrohlichkeit der Wiener Hausmeister-Dämonie, die ohne viele Umwege von Nestroy über Kraus und Doderers „Peinigung der Lederbeutelchen“ zu Qualtingers eigenen Sachen verläuft. Aber eben dadurch wurde die ganze Geschichte nun aus dem Lot gebracht, denn Lohner machte seine Sache zwar sehr hübsch, aber eben nur hübsch und wurde nun ganz und gar an die Wand gedrückt, wenn Qualtinger auch nur in einer Ecke des Bildschirms zu sehen war, den er übrigens meisterhaft von einem Rand bis zum anderen ausfüllte.

Über die interessant-zwiespältige Aufblätterung der Leonhardschen Lebensgeschichte durch Hubalek-Hädrich erst nach Abschluß der dreiteiligen Folge, also das nächste Mal. Für diesmal nur noch, daß die höchst wichtige Untersuchung über das „Sorgenkind Schulbuch“ keine Untersuchung war, sondern eine filmische Aufbereitung von allerlei Zufallsfunden und Periphererscheinungen – kein handfestes statistisches Material, keine repräsentative Querschnittsforschung, keine exakte Fragestellung. Ein Thema vertan, und was für eines.

lupus