Von Hermann Riedle

Wer heute vor seinen Mitmenschen ein Minimum an volkswirtschaftlicher Ausbildung demonstrieren will, wird – nach den Bestimmungsgründen des Lohnes gefragt – darauf hinweisen, daß die Produktivität der Arbeit ein richtiges Maß für den gerechten Lohn sei. Unter vernünftigen wirtschaftlichen Spielregeln würde dies bedeuten, daß die Arbeiter, das heißt alle am Produktionsprozeß beteiligten Kräfte nach ihrer Produktionsleistung entschädigt werden. Steigt die Produktion pro Arbeitskraft, so müßte aus ökonomischen Gründen auch der Lohn in gleichem Umfang zunehmen. Die Löhne wären also – und wir erinnern uns bei dieser Gelegenheit daran, daß sie auch Preise sind – an ein quasi-technisches Maß gebunden, nämlich an die Produktivität der Arbeit.

An einem Beispiel demonstriert: Habe ich in meinem Unternehmen mit 50 000 Arbeitskräften bisher im Jahre 500 000 Autos hergestellt und werde ich im nächsten Jahr mit 55 000 Beschäftigten 650 000 Wagen fabrizieren, so hat sich die Arbeitsproduktivität von 10 auf 11,8 Wagen pro Arbeitskraft erhöht. Die Anhänger der Produktivitätstheorie des Lohnes stellen dazu kurz und bündig fest, daß richtigerweise die Löhne nun um 18 % steigen dürfen. Ja, es gibt eine Gruppe radikaler Volkswirtschaften die gar die Behauptung wagt, die Löhne müßten um 18 % heraufgesetzt werden, da sonst nämlich die erhöhte Anzahl von Autos keine Käufer finden würde. Man ergänzt schließlich diese den Wirtschaftsprozeß „sehr einfach“ darstellende Behauptung durch eine konjunkturpolitische Regel: Werden in der skizzierten Situation die Löhne nur um 18 % steigen, so ist die allgemeine wirtschaftliche Lage nicht gestört, das bisherige Gleichgewicht bleibt erhalten und vor allem ist eine inflationsfreie Entwicklung durch diese Lohnerhöhung nicht in Frage gestellt.

Sieht sie nicht bestechend logisch aus, die Produktivitätsthese? Und es treten kaum profilierte Persönlichkeiten mit volkswirtschaftlichen Vorstellungen in der Öffentlichkeit auf, die sich dieser Theorie widersetzen würden. Auch die Hauptinteressengruppen, von denen aus die Lohnbildung in der freien Wirtschaft bestimmt wird, akzeptieren die Produktivitätsthese und sind damit dem allgemeinen Gedankengut verpflichtet.

Weshalb sind vor allem die Unternehmer bereit, ein nur technisches Maß im wirtschaftlichen Prozeß anzuerkennen? Eine technische Größe – obschon der Kaufmann und Unternehmer sich im Wirtschaftsablauf eigentlich in erster Linie mit monetären Begriffen auseinandersetzen muß. Denn schließlich zählen ja nicht die gefertigten Wagen, sondern die verkauften Wagen, die Erträge, die Kosten, die Gewinne die Investitionen und diese sind alle in Geldgrößen ausgedrückt. Doch davon später.

Man kann zwei Gründe angeben, die es dem Unternehmer dienlich erscheinen lassen, die Produktivitätsthese zu akzeptieren. Bei knappem Arbeitsmarkt nämlich (da sich also die Löhne auch ohne die Forderungen der Gewerkschaften über die betriebliche Produktivität hinaus erhöhen könnten) sehen die Arbeitgeber in einer Koppelung des Lohnes an die Produktivität für ihre Unternehmen eher einen Vorteil, denn: nach der Marktlage müßte man wahrscheinlich ja stärkere Lohnforderungen akzeptieren. Kann man diese mit Hinweis auf den Produktivitätsverlauf des eigenen Unternehmens verhindern, so hat man die eigene Ertragslage geschont. Und noch ein anderer Punkt spricht für die Neigung der Arbeitgeber zur Produktivitätsformel: Da die gewerkschaftlichen Tarife ja auf eine branchenweise errechnete Durchschnittsproduktivität ausgerichtet sind, machen viele Unternehmungen (alle jene nämlich, die sich in einer überdurchschnittlichen Situation befinden) immer noch einen relativen Gewinn – auch dann, wenn sie sich auf einen Lohnsatz verpflichten, der nur der Durchschnittsproduktivität entspricht.

Auch die Gewerkschaften, die bis heute selten die Marktsituation zur Richtschnur für ihr Verhalten gemacht haben (sich eher den klassenkämpferischen Doktrinen anvertrauen), finden in der Produktivitätsthese ein quasi-ökonomisches Argument für ihre Lohnforderungen. Für sie ist es bequem, sich in ihren Lohngesprächen auf die Entwicklung der Produktivität stützen zu können. Denn – so sagen manche Gewerkschafter: Bei Voll- und Überbeschäftigung, wie sie in den vergangenen Jahren in fast allen Industriestaaten und besonders auch in der Bundesrepublik geherrscht hat, ist dieses Produktivitätsmaß so oder so illusorisch. Die Marktwirtschaft korrigiert es nach oben (bei den effektiv gezahlten Löhnen). Andererseits kann bei einem Arbeitsmarkt mit freien Reserven, in einer Rezession also, die Produktivitätsthese sogar einmal ein gutes Schutzargument gegen eine ökonomische Anpassung der Löhne nach unten sein. Man darf somit den Gewerkschaftern ihren „Glauben“ an die Produktivitätsthese nicht verübeln.