Düsseldorf, Ende Mai

Waren die alten Recken, von denen die Heldensagen der Liberalen noch erzählen, wieder zurückgekehrt, um Erich Mende das Fürchten zu lehren? „Eine Partei, die den Rechtsstaat auf ihre Fahnen geschrieben hat, darf so etwas nicht tun“, rief Bernhard Leverenz, Justizminister aus Schleswig-Holstein, und stach mit spitzem Zeigefinger anklagend in den Tabakdunst. Im Saal prasselte der Beifall. „Das muß Herr Mende zulassen polterte Albrecht Haas, der grauhaarige Justizminister aus Bayern. „Sehr richtig“, ereiferte sich ein Delegierter. Es wurde geklatscht, gemurrt, gar manche Köpfe nickten ernst und bedeutungsschwer.

Rebellion? Der Parteiführer, eine halbe Stunde zuvor mit einer respektablen Mehrheit wiedergewählt und mit freundlichem Beifall bedacht, sprang auf: „Ich bitte tunlichst, sich bei der Geschäftsordnungsdebatte der Beifalls- und Mißfallensäußerung zu enthalten.“ In der Tat, die alte Tradition der Liberalen, die aus frühen Tagen noch bekannte Streit- und Diskutierlust, hatte sich noch einmal – freilich nur zu kleiner Flamme – an der Frage entzündet, nach welchem Modus die dreizehn Wahlzettel geschrieben werden sollten, oder ob es erlaubt sei, auch weniger Namen zu nennen. Die Mehrheit der Delegierten war im Gegensatz zu ihrem Parteivorsitzenden der Meinung, auch Stimmzettel mit weniger als dreizehn Namen müßten gültig sein. So kam’s, daß der Abgeordnete Zoglmann, der sich bei den Koalitionsverhandlungen besonders eifrig für ein Bündnis mit der CDU eingesetzt hatte, glatt durchfiel. Es war ein kleiner Sieg, aber eine Rebellion gegen den Kurs der Partei war’s bei weitem nicht.

Die Rebellen nämlich waren zu Hause geblieben. Heinrich Schneider aus dem Saarland und Oswald Kohut aus Hessen, die aus Protest gegen den Eintritt der FDP in die Bonner Koalition ihr Amt als stellvertretende Vorsitzende niedergelegt hatten, waren zum Düsseldorfer Parteitag in der Messehalle gar nicht erst erschienen. Die alten Liberalen aber ließen sich entschuldigen. Theodor Heuss, Reinhold Maier und Marie-Elisabeth Lüders schickten freundliche Telegramme: ihr Alter, ihre angegriffene Gesundheit erlaubten es nicht ...

Und Thomas Dehler, der Feuerkopf aus Franken, der 1956 in Würzburg auf dem „Parteitag gegen Adenauer“ umjubelt und umkämpft worden war? Er wurde mit der höchsten Stimmenzahl zum Beisitzer gewählt. Es war eine noble Geste, eine Verbeugung vor der politischen Phantasie, der sympathischen Persönlichkeit dieses Mannes – ein politisches Votum war es nicht. Dehler nahm diese Ehrung mit rührendem Lächeln entgegen, aber in die Diskussion griff er nie ein. Dehler schwieg.

Die Delegierten indes befolgten treulich die Mahnung Erich Mendes, der ihnen die verantwortungsbewußte Sprache der Parteileitung“ als Vorbild empfohlen hatte. Für Diskussionen war im Programm ohnehin nicht viel Zeit vorgesehen, und die Delegierten zeigten überdies wenig Lust zu rhetorischen Parforceritten. Gewalt wurde allenfalls der deutschen Sprache angetan. Daß auf Parteitagen die Probleme nicht „ungelöst im Räume stehenbleiben“ dürfen und daß alles „echt“ sein muß, kennt man schon; daß aber „jeder einzelne an seinem Menschsein angefaßt werden soll“ war immerhin ein echter liberaler Beitrag zur Sprachentwicklung.

Der Hamburger Jungdemokrat Groß war fast der einzige, den die politische Leidenschaft so weit trieb, daß er sogar die Parteiführung kritisierte. Er warnte davor, sich allzusehr an eine Partei anzuhängen, die so im Absteigen sei wie die CDU; er hielt es für höchst unpraktisch, daß die Führer einer Volkspartei, wie sie die FDP jetzt sein will, immer nur auf den Gewerkschaften herumhackten, aber nicht auch den Arbeitgebern ihre Sünden vorrechneten; und schließlich fand er die Übung, Parteitage während der Wahlkämpfe abzuhalten, doch sehr bedenklich. Die Delegierten würden damit verleitet, ja gezwungen, alle ungelösten Probleme mit freundlichen Worten zuzudecken, nur um dem Gegner ja keine Blöße zu zeigen.