Von Otto F. Beer

In Korsika gibt es noch Platz“, lautet der Geheimtip erfahrener Reisestrategen, die nicht ohne Kummer auf das üppige Wachstum etlicher Badeparadiese blicken, die noch vor wenigen Jahren einsam und verträumt dalagen. Der zweite Geheimtip lautet: „Vor- oder Nachsaison!“ Daß an korsischen Gestaden nicht eine Hotelzeile hinter der anderen emporschießen kann, dafür sorgt die Natur des Landes. Sandstrand ist hier zumeist so in die Klippenküste eingelagert, daß hinter ihm entweder die Berge beginnen oder der Maquis mit seinem dichten Gestrüpp, von dessen Blüten im Frühling ein betörender Geruch aufsteigt.

Die Insel, auf der Badestrand und Hochgebirge, Grandhotel und tiefe Einsamkeit, turbulente Hafenstadt und abgelegener Bauernhof auf knappem Raum beieinanderliegen, hat noch nicht im selben Maße wie andere Mittelmeergebiete den Anschluß an den europäischen Touristenstrom gefunden. Drei- und Viersterne-Hotels gibt es in Ajaccio, Bastia, Rousse und Propriano. Der Rest ist mittlere und kleinere Hotellerie. Bungalowsiedlungen stehen hoch im Kurs: Sie wachsen allerorten aus dem Boden. Daß ein Land wie dieses ideal für Campingzelt und Wohnwagen ist, hat sich indessen herumgesprochen.

Die Anreise ist ein Vergnügen für sich. Die „Compagnie Generale Transatlantique“ – hier vertraulich „La Transat“ genannt – unterhält von Nizza, Marseille und Toulon ihre Korsikalinien. Ihr Stolz ist das 1960 in Dienst gestellte Prunkschiff „Napoleon“; aber auch die anderen Dampfer sind durchaus modern und geräumig ausgestattet. Die etwa zwölf Stunden währende Überfahrt kann man in der Saison auch tagsüber, sonst nur nachts zurücklegen. Den eigenen Wagen übersetzen zu lassen, kostet etwa 160 Mark (hin und zurück). Für Eilige gibt es überdies die Luftverbindung: Ajaccio, Bastia und Calvi werden regelmäßig angeflogen.

Ajaccio ist ein Touristenzentrum. Der idyllische Golf beherbergt nicht nur einen so romantisch entlegenen Punkt wie die Iles sanguinaires oder das 600 Meter hoch gelegene Château de la Punta, sondern auch Orte wie Porticcio, die trotz der Stadtnähe still und abgelegen wirken. Ein modernes Viersterne-Hotel ist eben im Entstehen.

Hier findet sich aber auch eine reizvolle Bungalow-Siedlung „Marina, viva“, die von den französischen Staatsbahnen betrieben wird. Man will die fünfhundert Gäste mehr und mehr in Sonderzügen aus ganz Europa herbeiholen. Der Reiz dieser kleinen Kolonie liegt darin, daß die Wohnhäuser von dem Zentrum, in dem man ißt, tanzt und sich unterhält, ein gutes Stück abliegen, ihre Stille also kaum beeinträchtigt wird. Wer gern im Gefängnis wohnt, wird diesen Wunsch vielleicht in einigen Jahren realisieren können: Bei Chiavaci will man eine längst verlassene Strafanstalt – sie nimmt einen zauberhaften Platz in den Bergen ein – niederreißen und an ihrer Stelle ein Grandhotel errichten.

Die Ostküste – von dem Handelszentrum Bastia über Portovecchio bis zur Südspitze Bonifacio – ist der geräumigere Teil der Insel. Hier breiten sich Obstplantagen aus, hier gibt es richtige, gerade laufende Straßen, die rascheres Fahren gestatten. Die Westküste ist romantischer. Fjordartige Einschnitte geben überraschende Einblicke in intime Buchten. Immer wieder findet sich ein Sandstrand, hinter dem entweder die Felswände aufwachsen oder der Maquis einsetzt. Das berühmteste der korsischen Seebäder ist wohl Calvi. Sein heiteres Strandleben gruppiert sich um einen reizvollen Hafen und eine mächtige Zitadelle. Intimer präsentiert sich Porto mit seiner unvergleichlichen Bucht. Eine Eukalyptusallee hält die sengende Sonne ab, und der Strand liegt zwischen der salzigen See und dem Süßwasser einer Flußmündung.